Zweifeln und Staunen
Matthäus 11, 2-6
Predigt von Roland Schindler
Als Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jün-ger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf ei-nen anderen warten?
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Kennen sie Ileana Ros-Lehtinen? Diese Dame war in der letzten Woche in den Schlagzeilen der Weltpresse. Denn sie erhielt einen Anruf – einen von der Sorte, wie man ihn nicht täglich erhält. Am anderen Ende der Leitung meldete sich nämlich ein gewisser Barak Obama. Er erkundigte sich, wie es ihr denn so ginge. Darauf hin entgegnete Ros-Lehtinen: „Junge, Du bist ein wesentlich besserer Imitator als dieser Kerl bei Saturday Night Live“. Dann hat sie ihm alles Gute gewünscht und aufgehängt. Der neue US-Präsident ruft doch nicht bei gewöhnlichen Menschen an, dachte die re-publikanische Abgeordnete aus Florida, und würgte Obama noch ein zwei-tes mal ab. Darauf hin rief Obamas designierter Stabschef Rahm Emanuel bei der Abgeordneten an, um Obama anzukündigen. Ros-Lethinen be-dankte sich für die Ehre, als Opfer eines Telefonscherzes ausgesucht wor-den zu sein – und legte wieder auf. Erst als Obama über den Ausschuss-kollegen Howard Berman bei ihr noch einmal anklopfte und bat, diesmal nicht aufzulegen, dämmerte ihr Erstaunliches. Ros-Lehtinen sagte später, dass sie sich bei dem Präsidenten in spe entschuldigt hatte und mit ihm ein gutes Gespräch über außenpolitische Themen führte – übrigens: Oba-ma wollte ihr nur gratulieren, dass sie die Wiederwahl geschafft hatte und somit zu seiner Mannschaft gehörte.
Zweifel – der neue Präsident ruft doch nicht bei ganz normalen Menschen an! Damit kann man doch nun wirklich nicht rechnen. Was interessiert ihn schon mein Leben?
Zweifel plagten auch Johannes, der danach benannt wurde, dass er die Menschen zur Taufe vor dem nahenden Gericht Gottes aufforderte. Denn er wusste: Gott kommt! Der Messias Gottes kommt und er richtet die Herrschaft Gottes auf. Dann wird damit abgerechnet, dass die Menschen Gottes Ehre mit den Füßen getreten haben, sein Wort missachtet hatten, seine Anordnungen belächelten und seine Gaben einfach als selbstver-ständlich einsackten. Wenn dieser Messias kommt, dann führt er Gottes Volk wieder vom Tabellenkeller an die Tabellenspitze der mächtigen Län-der. Dann werden alle zur Verantwortung gezogen, die vorher nicht mit ihm gerechnet und auf ihn gesetzt haben.
Johannes der Täufer sitzt im Gefängnis. Herodes machte, was alle Herr-scher machen mit jenen, die ihre Stimme öffentlich gegen moralische Missstände und gesellschaftliche Vergehen erheben – er beseitigte ihn. Er ließ ihn im Gefängnis verschwinden. Und da sitzt nun Johannes und über-legt: hat er nicht vor einiger Zeit den getauft, der als Messias auftreten soll? Ist er nicht sein Wegbereiter? Ist er nicht derjenige, der das Volk auf ihn hinweisen wollte, damit es im Herzen „klar Schiff“ macht und einen neuen Kurs im Leben einschlägt?
Wie passt das nun zusammen: Der Messias Gottes ist da und mir geht es schlecht? Wie passt das zusammen: Gott kommt zu seinem Volk und ich bin total unfrei und der Willkür anderer ausgeliefert? Wie lässt sich das vereinbaren: Gott richtet sein Reich auf – aber draußen vor der Tür, scheinbar außerhalb meines Lebens?
Drei wesentlichen Hinweisen in diesem Wort gilt es zu folgen, damit wir Menschen vom Zweifeln zum Staunen kommen.
1. Zweifel äußern
Johannes formuliert seine Zweifel und er spricht darüber mit den Leuten, die um ihn sind. Er bekommt immer wieder von Anhängern und Freunden besuch. Mit Ihnen redet er darüber, was ihn so beschäftigt: „Ist Jesus der Messias Gottes? Oder sollen wir auf einen andern warten?“
Es ist nicht augenscheinlich, dass mit Jesus der Messias da ist und mit ihm der Anfang einer heilsamen Geschichte in die Unheilsgeschichte dieser Welt eingebrochen ist. Es ist so wenig davon im Leben des Johannes zu erkennen. Müsste Jesus nicht kommen und ihn aus dem Gefängnis führen. Müsste Jesus nicht diesen Herodes Antipas, der schon seit über 30 Jahren am herrschen ist und der einfach macht was er will, beseitigen. Müsste Jesus nicht um seinen Verdienst wissen? Müsste Jesus nicht… ?
Fragen über Fragen hat sich Johannes gestellt. Fragen werden zu Zweifeln und bohrten Löcher in sein Bild von Jesus als Messias Gottes. Aber dann fasste er sich ein Herz und schickte seine Leute zu Jesus mit genau dieser Frage: Bist du es, auf den wir warten oder kommt da doch noch ein ande-rer?
Johannes formuliert seine Zweifel – er vergräbt sie nicht in sich. Es wer-den so viele Zweifel in Schweigen gepackt – so wirken sie zerstörerisch und löchern die Hoffnung und entleeren sie letztlich. Das Problem an den Zweifeln ist nicht, dass man sie hat – das ist selbstverständlich. Das Prob-lem ist, dass man sie für sich behält. Man meint, dass Menschen, die es irgendwie mit Gott ernst meinen, keine Zweifel haben dürfen. Zweifel sind unchic! Zweifel sind ein Indiz dafür, dass mit meinem Glauben irgend et-was nicht stimmt. Hat Jesus nicht einen jungen Mann nach seiner Aufer-stehung gerügt, weil er an der Realität der Auferstehung Jesu seine Zwei-fel hatte und weil er diese erst aufgeben wollte, wenn der Auferstandene vor ihm erscheint und er sich wirklich überzeugen konnte – die Wunden betasten und die Person erkennen konnte. Hat er anschließend nicht ge-sagt: „Selig sind die, die nicht zweifeln und doch glauben!“?
Nein, hat er nicht. Jesus hat gesagt: Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben. Jesus verbietet nicht den Zweifel – der Zweifel ist normal. Jesus fordert heraus: lass es nicht dabei bleiben. Spreche deine Fragen und Zweifel aus. Lass es nicht zu, dass sie deine Hoffnung zerstören. Rin-ge um Antworten!
2. An Jesus nicht Irre werden
Die Freunde des Johannes kommen also zu Jesus und stellen die Frage. Und nun wird es hochinteressant. Denn Jesus müsste ja nun diese Frage beantworten mit Ja oder mit Nein. Eine klare Frage will doch eine eindeu-tige Antwort!
Aber Jesus sagt: Schaut, was ich so mache – er war gerade damit be-schäftigt, sich Kranken und Hilfsbedürftigen zuzuwenden und ihnen die Hilfe Gottes zuzusagen. Hört, was andere über mich sagen – fragt nach, was für Erfahrungen sie mit mir gemacht haben. Das lässt sich alles auf einen Nenner bringen: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige wer-den rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird eine erstaun-lich frohe Botschaft verkündigt!“ Geht, und sagt das Johannes!
Nun muss man wissen, dass diese Zusammenfassung, die Jesus bezüglich seines Wirkens macht, damals, im Fahrplan der Weltgeschichte eine ent-scheidende Zäsur markierte. Der Messias kennzeichnet die Wende im Fahrplan dieser Welt. Vor vielen Jahrhunderten trat ein Prophet auf und setzte dafür zwei Markierungen. Hier werden Merkmale zur Identifikation geliefert: „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch und die Zunge der Stummen wird frohlocken…“ (Jesaja 35,6f.) und: „Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat (das bedeutet, Gott hat ihn zum König bestimmt!). Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu ver-binden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen: zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Vergeltung unseres Gottes…“ (Jesaja 61, 1f.)
Jesus sprach: Geht zu Johannes und sagt ihm. Was ihr mich tun seht!
Wir wissen von keiner Reaktion des Johannes. Wir wissen nur um diese Aufforderung Jesu: Sieh und hör, was mit mir gekommen ist und noch eins gibt er mit: „Selig, wer sich nicht an mir ärgert!“ Johannes muss sel-ber einen Schluss aus dieser Mitteilung ziehen. Johannes muss sich der Herausforderung stellen, sein Verhältnis, seine Beziehung zu Jesus zu ü-berdenken und zu korrigieren.
Es geht um Jesus. Bitte ärgert euch nicht über ihn. Bitte vertraut ihm. Es geht in unserem Glauben nur um diese Person – um nicht anderes. Viele Menschen denken ja, mit dem Glauben an Jesus ist es wie mit dem Weih-nachtsmann: Da muss man einen ganzen Sack voll Sachen glauben! Da muss man an eine Jungfrauengeburt glauben, einen Spaziergang über die Wasseroberfläche für möglich halten, die Heilung von Unheilbaren für möglich halten und dann auch noch darauf setzen, dass Jesus Tote zum Leben erweckt. Man muss sich in den Galaxien und Sonnensystemen Platz für einen Gott vorstellen und für wahr halten, dass er ausgerechnet dieses Staubkorn „Erde“ mit allen seinen Milliarden Menschen geschaffen hat. Man muss an ein altes Buch glauben und am Sonntag zum Erlebtgottes-dienst gehen. Ein Sack voller Dinge, die wir glauben müssen. Und wenn wir´s nicht tun, dann schickt er noch den mit der Rute.
Nein – das ist nicht das, was die Bibel mit „Glauben“ meint. Dabei geht es nur um eine einzige Sache – vielmehr um eine Person: Jesus! Ihm sollen wir vertrauen. An ihm sollen wir uns festhalten, wenn wir den Boden unter den Füßen verlieren. Auf ihn sollen wir bauen, wenn in unserem Leben al-les zerbricht. Auf ihn sollen wir uns verlassen, wenn wir nicht mehr wis-sen, wie es weiter geht und mit ihm sollen wir rechnen, wenn wir am Ende sind. Jesus! Alles andere hat mit ihm zu tun und wird sich zu seiner Zeit klären. Es geht nur um Jesus!
Bitte – werde nicht an ihm irre! Bitte, schreibe ihn nicht ab! Bitte, schreibe ihn nicht vor, wie er zu sein hat! Bitte, entdecke ihn neu! Bitte identifiziere ihn eindeutig: der Messias!
3. Sein Reich ist im Kommen
Mit Jesus Christus ist das Reich Gottes im Kommen. Es hat schon Anfänge gegeben. Es hat schon Dokumentationen seiner Kraft gegeben. Es gibt eine unglaubliche Nachricht von einem Gott, der Schuld selbst sühnt und Schuldige eigenhändig begnadigt und wie Kinder aufnimmt.
Das hat begonnen. Das sieht man noch nicht überall. Aber wo dieser Jesus ist, dort wirkt sich das Neue schon aus! Wo dieser Jesus ist, dort ist Hoff-nung, dort ist Glaube, dort ist Liebe. Wo dieser Jesus ist, dort geschieht die Wende zum Heilsamen! Wo dieser Jesus ist, dort wird die Prophezei-ung aus alter Zeit sogar übertroffen: von Totenauferweckung steht in die-sem Zusammenhang nichts – aber Jesus weckt Tote auf!
Aber das alles gibt es nur „anfänglich!“ Wo dieser Jesus ist, dort beginnt der Herrschaftsraum Gottes, dort beginnen Menschen Gott Platz im Leben einzuräumen und ihr Leben mit Armen und Benachteiligten zu teilen.
Liebe Geschwister, wir befinden uns mitten im Advent. Wir erinnern uns daran, dass Jesus Gekommen ist und Kommen wird. Wir lassen uns her-ausfordern in einer Welt, in der es um das HABEN geht, volle Kanne auf das WERDEN zu setzen. Wer auf Jesus setzt, der wird werden, was Jesus versprochen hat: ein Mensch, der sich an seinem Gott freut und der eine lohnende Zukunft vor sich hat!
Das ist im Werden. Da spricht manches in meinem Leben dagegen. Aber an anderen Stellen und in manchem Leben hat sich das Neue schon mäch-tig in Szene gesetzt. Zögernd und langsam wächst es an vielen Orten. Kaum wahrnehmbar. Verborgen – es ist eben am Beginnen!
Werde bitte nicht an Jesus irre – entdecke ihn neu! Lerne ihn kennen! Hal-te dich an ihm fest! Und dann – dann wirst du auch Erfahrungen mit die-sem Herrn machen. Du wirst ihn wahrnehmen. Du wirst Spuren seines Wirkens und Herrschens in deinem Leben erkennen! Spuren – noch keine Manifestationen! Aber Du wirst eindeutige Hinweise auf diesen Jesus Christus bekommen und wirst staunen!
Wir können heute die Zeit nutzen, damit Jesus noch bei vielen Menschen ankommen kann. Wir können, wie Johannes, Wegbereiter sein. Wir kön-nen Zeugen sein, die man nach Jesus fragen kann. Wir können ab und zu sichtbar machen, dass sich eine heilsame Wende in unserem Leben ereig-net hat.
Ileana Ros-Lehtinen staunte nicht schlecht, dass sie Herrn Obama bekannt war – ja dass er Interesse an ihrem Ergehen hatte und ihr gratulieren wollte! Der lebendige Gott hat Interesse an dir. Er will Jesus immer wieder neu in dein Leben schicken, damit deine Hoffnung nicht verkümmert. Er will, dass du bei seiner letzten und nachhaltigsten Ankunft in seiner Regie-rungsmannschaft bist! Ist das nicht zum Staunen!
Amen
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