Lukas 1, 46-55
Predigt am 21. Dezember 2008 in Lobetal von Roland Schindler
Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes:
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,
Wie er geredet hat zu unseren Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.
Haben wir Grund zum Jubeln? Nun, sicher hat nicht jeder Grund dazu. Eine Familie hatte Besuch und sie saßen zu Tisch. Der Vater bat seine 4 jährige Tochter, dass sie das Tischgebet sprechen sollte. Sie meinte: „Papi, aber du kannst das doch viel besser!“ Er: „Das ist ganz einfach. Sprich doch einfach das Gebet nach, das ich heute Morgen gebetet habe.“ Das Mädchen überlegt kurz, dann faltet es die Hände, kneift die Augen zu und spricht: „Oh Gott, wie sollen wir bloß den schrecklichen Besuch heute Mittag überleben. Amen.“
Nein, es hat nicht jeder Grund zum Jubeln!
Verjubelt wurde ja einiges in diesem Jahr. Aber gejubelt wurde eigentlich nur in Spanien. Und das auch nur Anfang Juli.
Nein, es ist nicht die Zeit zum Jubeln. Die Wirtschaftslage ist angespannt. Die Kanzlerin hat das Frühwarnsystem eingeschaltet und bereitet uns darauf vor, dass es im neuen Jahr noch schwieriger werden wird.
Nein, gejubelt wird nicht. Gut, es sieht noch nicht zu Schwarz aus. Jedenfalls war der Umsatz im Weihnachtsgeschäft 08 sogar noch etwas höher als im letzten Jahr. Bei vielen wackelt der Job oder zumindest ist die berufliche Zukunft so sicher nicht. Aber zu wenige Euros sind eine Sache, die andere ist die, ob uns in unseren Familien und uns ganz persönlich zum Jubeln zumute ist.
Das Wort „jubeln“ kommt von jubilieren, was soviel wie „jauchzen, jodeln“ bedeutet. Jauchzen bedeutet, dass man Grund hat, einen Freudenschrei auszustoßen.
Und das geschieht hier in unserem Bibelwort. Ein junges Mädchen jauchzt laut und jubelt so stark, dass es uns bis heute zu Gehör kommt.
Es ist übrigens sehr erstaunlich, dass sie jubelt, denn sie hat vernehmen müssen, dass sie schwanger wird, dass ihr sozusagen von Gottes Geist ein Kind in den Schoß gelegt wird. Sie ist noch nicht verheiratet. Was wird das geben? Was werden die Leute sagen? Wird ihr die Verachtung der Familie entgegenschlagen?
Sie hört, dass dieses Kind „Sohn des Höchsten“ genannt wird – vielleicht wäre ihr „Sohn der Maria“ lieber? Aber davon steht hier nichts.
In dieser Situation jubeln? Da muss man schon sehr genau hinhören, um zu erfahren, was der eigentliche Grund der Freude ist, die aus Maria nur so heraussprudelt.
Drei Kennzeichen erfahren wir, an denen wir erkennen können, ob es Grund zum Jubeln gibt oder Grund dazu, sich ernsthaft Sorgen zu machen.
1. Maria erfährt Gottes Barmherzigkeit
Maria jubelt deshalb, weil sie Gottes Handeln in ihrem Leben erfahren hat. An dieser Stelle werden viele Zeitgenossen sehr skeptisch: jubeln, weil Gott handelt?
Ein Buch prägte die Religionsgeschichte des letzten Jahrhunderts: 1976 Erschien das Buch „Die Gottesvergiftung“ von Tilmann Moser. Es geht dabei um die wuterfüllte Auseinandersetzung mit der religiösen Erziehung und einem bedrohlichen Gottesbild des Autors sowie einer psychoanalytischen Untersuchung der Struktur der Kirchenlieder und Choräle, die speziell dem Gefühl der Geborgenheit in Gott gelten. Tilmann Moser hat nur Zwänge erlebt. Gefängnis, Druck und Angst. Wie soll man da gesund bleiben können?
Zum Beginn unseres Jahrhunderts schrieb Richard Dawkins das Buch „Der Gotteswahn“. Er schreibt: „Stellen wir uns doch mit John Lennon mal eine Welt vor, in der es keine Religion gibt – keine Selbstmordattentäter, keinen 11. September, keine Anschläge auf die Londoner U-Bahn, keine Kreuzzüge, keine Hexenverfolgung, keinen Gunpowder Plot, keine Aufteilung Indiens, keinen Krieg zwischen Israelis und Palästinensern, kein Blutbad unter Serben/Kroaten/Muslimen, keine Verfolgung von Juden als »Christusmörder«, keine »Probleme« in Nordirland, keine »Ehrenmorde…“
Er fordert, dass man Gott herausschneidet aus der Weltgeschichte. Er würde jubeln, wenn Gott tot wäre.
Was um alles in der Welt hat da aber Maria erfahren, dass sie nicht eingeschüchtert reagiert, nicht gefügig gemacht wurde und scheinbar unter keinen Druck geraten ist? Nicht als Zwang hat sie das alles erfahren – vielmehr als eine Art „Auszeichnung“. Maria jubelt über einen Gott, der sich von Generation zu Generation „barmherzig“ zeigt. Er hat ein Herz, er ist gütig und freundlich, er hilft und stärkt, er tröstet und ermutigt, er ringt darum, dass seine Menschen entdecken, was das Leben ist.
Jesus wird in eine Welt geboren, die randvoll gefüllt ist mit Gottesbildern. Überall verehrt man Götter. Überall betet man Dinge und Wesen an, Opfert Zeit und Geld und erwartet dafür Erfolg, Wohlstand – zumindest Spaß. Jesus sagt selbst, dass es später eine Menge Menschen geben wird, die zu ihm sagen: „Herr, Herr!“ Und er muss sagen: Es liegt nicht im Namen, es liegt nicht in Begriffen, es geht nicht um eine richtige und falsche Theologie, sondern es geht um „Barmherzigkeit“! Hast du barmherzig gelebt? Hast du geteilt, geholfen, getragen, gekleidet, gestärkt und gepflegt? Und hast du dir diese Barmherzigkeit und diese Liebe von meinem Vater im Himmel schenken lassen?
Oh ja, es gibt einen Glauben der Krank macht und einen Gott, der Angst macht. Hier tritt aber ein Gott aus dem Verborgenen, der nicht tausend Namen hat und der nicht heute so und morgen so ist. Hier zeigt sich ein Gott, der völlig eindeutig ist: barmherzig und gütig!
Und das hat Auswirkungen. Maria sagt: „Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen…“ Herunterblicken auf die Niedrigkeit – das ist die Blickrichtung Gottes – das ist seine Bewegung. Niedrigkeit – da ist einer unbedeutend, austauschbar, verzichtbar, Spielball der Mächtigen, ein Bauer auf dem Schachfeld der Gesellschaft. Und Gott beugt sich herab und trifft eine Liebeswahl. Er wählt Maria, damit er mit seiner Barmherzigkeit endlich das Herz der Menschen verändern kann. Deshalb werden nun Generationen um Generationen Marias Namen in Verbindung mit Gottes Güte und Liebe nennen. Dieser Name ist eingebrannt als Markierung für einen Wendepunkt im Fahrplan der Weltgeschichte.
Gott ist barmherzig und seine Barmherzigkeit wird Mensch, erreicht Menschen, rettet Menschen, erneuert Menschen. Das muss unsere Welt wissen. Das müssen die Menschen neu entdecken! Das muss ihnen gesagt werden – von uns!
2. Maria jubelt, weil sie um das Ende weiß.
„Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Wo denn? Wo geschieht das denn?
In unserer Welt werden doch die Reichen noch Reicher, die Hungrigen noch Hungriger, die Gewaltigen noch Grausamer und die Stolzen noch hochmütiger.
Das ist es doch, was die Kritiker den Christen vorwerfen: Wenn es einen Gott gäbe, müsste die Welt nicht anders aussehen? Aber Gott scheint ohnmächtig zu sein und seine Leute „Besserwisser“.
Dach Maria besingt hier nicht den Status Quo der Gottesherrschaft. Maria hat den Blick frei auf das, was am Ende der Weltzeit zählt. Es ist Zukunftsmusik, die hier ertöt. Aber eine Zukunftsmusik, die bereits jetzt die Gegenwart prägen und die Herzen verändern will.
Maria zeigt uns, dass unser Leben eine Wegstrecke zurücklegt. Es gibt einen Lebensweg. Am Ende dieses Weges wird man sehen, worauf es ankommt – das sieht man nicht vorher. Aber das hört man! Das wird hineingesungen seit jenem Tag. Dem kann man sich nicht entziehen – man kann sich verschließen, aber nicht davonlaufen und so tun, als würde man es nicht hören.
In Maria wächst schon der, der das in uns Menschen möglich machen kann, dass wir ein Herz bekommen, barmherzig leben können, uns an Gott freuen können und für Menschen da sein können. In Maria wächst dieser Jesus – und er will auch in uns wachsen und Gestalt annehmen. Er will durch uns in dieser Welt Zeichen der Güte und Barmherzigkeit Gottes setzen. Öffnet euch diesem Herrn! Das geht nicht ohne unsere Bereitschaft – Gott will unsere Einsicht und unser Vertrauen wecken. Er will unsere Offenheit erbitten. Wir dürfen ihn aufnehmen. Er hat Erfahrungen mit einfachen Behausungen und seltsamen Gerüchen. Er kam in den Stall – dann wird ers auch bei uns aushalten. Er kommt mit seiner prägenden Kraft. Er schenkt uns Würde und Mut. Er richtet uns auf und erhebt uns. Er ermutigt uns, diese Welt zu verändern.
Maria zeigt uns einen Blick aufs Ende. Vom diesem Ende her dürfen wir unser Leben gestalten. Lasst uns ein eindeutiges Leben gestalten. Wir können es, weil wir wissen, was am Ende zählt und worauf es jetzt ankommt. Lebt barmherzig. Lebt vom Herzen Gottes her.
3. Gott ist treu.
Treue ist die Kraft, dem andern die Barmherzigkeit nicht aufzukündigen und zu entziehen. Er hätte 1000 Gründe „Schluss“ zu machen. Aber Gott hält seine Treue durch. Deshalb kommt am Ende dieses Lobliedes auch Israel ins Spiel. Das Volk, das die erste Adresse war, hat die Annahme der größten Gabe verweigert, die Gott gibt. Dieses Volk wartet heute noch auf den, der die Weltgeschichte nachhaltig verändert und die Herrschaft des Barmherzigen Gottes aufrichtet.
Gottes Treue hält immer noch sein Volk Israel. Keinen lässt er los. Er geht nach. Er leidet mit. Er liebt dennoch. Er schreit sich immer noch die Kehle aus dem Hals und rennt sich die Hacken ab. Er ist treu. Er bleibt treu.
Wenn wir Trost brauchen, dann müssen wir nur auf Israel schauen. Gott ist zu seinem Volk treu – dann ist er auch zu uns treu. Letztlich bringt uns Gottes Treue zum Ziel, nicht unsere Treue. Unsere Treue ist nur ein schwaches Abbild der Treue Gottes.
Gott leidet, weil sein Volk sich nicht in seine offenen Jesusarme wirft. Und das Volk leidet, weil es nichts von Gottes Erbarmen und Vergebung weiß – es ahnt nur etwas von der tiefen Liebe Gottes und von einem neu werden in dieser Liebe.
Maria singt ein lautes Jubellied über Gottes Barmherzigkeit, Gottes gnädiges Gericht und Gottes Treue. Sie jubelt über Gott. Sie betet Gott an – das ist das Ziel des Lebens: Gott anbeten und ihn ehren! Anbetung = vom Ende her die Dinge sehen – Gericht ist vollzogen; Wir sind durch Christus im Stand des Heils! Wir sind nicht auf einem guten Weg, wir sind am Ziel; deshalb können wir frei sein, ihm zu dienen und mit unserem Leben ihm „Danke“ sagen;
Maria lebt aus der Schrift – lebt aus den Psalmen.
Wenig ist überliefert von ihr – dieser Psalm sagt aber das Wesentliche aus. Und er fordert uns heraus, in ihn einzustimmen und mitzujubeln.
Amen
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