Montag, 16. Juni 2008

08.06.2008 Worauf es ankommt

Predigt am 1. Juni 2008 in Lobetal von Cordelia Tschersich

Hesekiel 18, 1-4.21-24.30-32

Liebe Gemeinde,

Sprichwörter kennen wir alle. Sprichwörter, die wir in unserem Alltag nutzen und die dann eine bestimmte Situation mal mehr und mal weniger gut widerspiegeln. Ich hab mal im Internet recherchiert und ein paar Sprichwörter rausgeschrieben und für heute mitgebracht. Da habe ich Sprichwörter gefunden wie:„Trocken Brot macht Wangen rot.“ - ist wohl eine gute Nachricht für die von uns, die gerne Brot mögen. „Ehrlich währt am längsten.“ „Hunger ist der beste Koch.“ - was auch immer das bedeuten mag. Eine gute Nachricht für diejenigen von uns, die öfters mal mit Bronchitis zu kämpfen haben: „Wer lang hustet, wird alt.“ „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ „Der Ehrliche ist immer der Dumme.“ Sicherlich kann man diese Reihe noch beliebig lang fortsetzen. Wir könnten vermutlich auch eine Runde machen mit dem Thema: Wer kennt die meisten oder die lustigsten oder die besten Sprichwörter. Aber ich glaube, die genannten Beisiele reichen für's erste.

Wie auch immer, schon an den Sprichwörtern, die ich gesagt habe, kann man eine Sache deutlich erkennen: Nicht immer haben Sprichwörter auch recht, denn schon allein in den von mir aufgeführten Sprichwörtern waren zwei, die sich grundsätzlich widersprechen. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass ihr noch frisch und aufnahmefähig seid und gut aufgepasst habt. Dann habt ihr sicherlich auch gemerkt, welche das waren. Da heißt es zum einen: „Der Ehrliche ist immer der Dumme.“ und zum anderen „Ehrlich währt am längsten.“ So, für welche Variante sollte ich mich nun entscheiden? Es können ja nicht beide gleichzeitig gelten, denn sie widersprechen sich ja. Und wenn wir mal auf unsere Erfahrungen blicken, dann können wir sicherlich Beispiele für beide Varianten finden: Auf der einen Seite gibt es bestimmt Situationen, in denen man ehrlich war, obwohl es vielleicht leichter gewesen wäre, nicht ehrlich zu bleiben. Und am Ende hat man gemerkt: Ja, es hat sich ausgezahlt, ehrlich zu bleiben. Es war genau richtig so. Am Ende hat mir Gott duch meine Ehrlichkeit zum Recht verholfen. Aber auch die andere Variante haben die einen oder anderen von euch sicher schon erlebt: Nämlich dass man ehrlich war, und deswegen einiges an Nachteilen in Kauf nehmen musste und man sich letztlich vielleicht fragt: Warum bin ich so blöd und bleibe ehrlich? Wir merken, bei diesen Sprichwörtern kommt es oft, wie bei so vielem anderen auch, auf die Situation und auf unseren Blickwinkel an.

Aber warum erzähle ich überhaupt so viel über Sprichwörter heute morgen? Natürlich gibt es dafür einen Grund. Denn unser Predigttext für heute beginnt auch mit einem Sprichwort, das damals in Israel gängig und gebräuchlich war. „Die Eltern haben saure Trauben gegessen und den Kindern werden die Zähne stumpf.“ In anderen Worten: Die Suppe, die sich die Eltern eingebrockt haben, müssen die Kinder auslöffeln. Das Sprichwort, sowie der Rest des Predigttexts, beschäftigen sich mit der Frage, worauf es eigentlich ankommt. Worauf kommt es an bei einem gelingenden Leben mit Ewigkeitswert? Wer oder was stellt die Weichen dafür, wie es mir geht? Wer ist für mein Ergehen verantwortlich? Genau wie eben bei den Beispielen von Sprichwörtern wird auch die Frage gestellt: Stimmt das Sprichwort überhaupt? Sieht die Realität so aus, wie es das Sprichwort besagt, oder ist es doch ganz anders? Anhand des Predigttextes möchte ich auf diese Frage drei Antworten geben. Aber das kommt erst im zweiten Schritt. Zunächst einmal möchte ich mit uns gemeinsam die Situation etwas genauer betrachten, in die hinein der Text ursprünglich gesprochen wurde.

Der Text ist um 590 v. Chr. entstanden. Und diese Zeit war eine für Israel sehr sehr schwierige Zeit. Wenn wir uns die Geschichte Israels genauer ansehen, werden wir auch verstehn, warum. Ich lade uns ein, eine kleine Zeitreise zu machen, zurück in das Jahr 597 v. Chr. Anfang des Jahres stirbt nämlich der König Jojakim, der bis dahin amtierende König Israels im Alter von 36 Jahren. Jojakim hatte sich in seiner Regierungszeit nicht nach dem Willen Gottes gerichtet, sondern mehr oder weniger getan, was ihm gut und richtig erschien, und was dazu diente, seine Macht möglichst noch zu erweitern. Er hatte sich auf ein Bündnis mit den Ägyptern eingelassen und verlangte vom Volk Israel hohe Steuern und Abgaben. Die gab er dann an den Pharao weiter. 11 Jahre lang war er König gewesen. Dann starb er und sein Sohn Jojachin [Puh, schwierig mit diesen ganzen Namen, die immer so ähnlich klingen...] wird König. Immerhin 18 Jahre ist er alt, als er König von Israel wird! Wie das oft der Fall ist, wird die politische Lage Israels durch den Wechsel ein wenig instabil. Der alte König ist gestorben, und vermutlich genau diese Situation ist ausschlaggebend für König Nebukadnezar, den König von Babylon, einen Feldzug gegen Israel zu starten. Er und sein Heer belagern Jerusalem und nach Angaben der babylonischen Chronik gelingt es ihnen am 16. März 597 v. Chr. Jerusalem einzunehmen. Der Tempel wird geplündert, von den Israeliten werden hohe Tributzahlungen gefordert. 10.000 Menschen – und zwar überwiegen die Jerusalemer Oberschicht, inklusive dem König Jojachin in seiner Familie, werden gefangen genommen und nach Babylon verschleppt und sie müssen im Exil in Babylon, weit weg von zu Hause, leben. Die Lage ist katastrophal, die Verhältnisse nicht besonders gut, die Hoffnung nicht besonders groß. Die Frage, warum Gott eine solche Katastrophe an seinem Volk zu lässt, stellt sich denjenigen, die verschleppt wurden. Ihre Antwort: Unsere Eltern haben uns die Suppe eingebrockt. Sie haben nicht auf Gottes Gebote gehört und danach gelebt. Und als Strafe dafür wurden wir nun in Exil verschleppt. Wir können an dieser Situation sowieso nichts ändern.

Zu den Verschleppten gehört auch der Prophet Hesekiel. Er lebte mitten unter ihnen in Tel-Abib im östlichen Babylon und spricht in dieser schwierigen Lage als Prophet immer wieder zum Volk Israel. Durch ihn redet Gott persönlich zum Volk und lässt seinen Willen ausrichten. Ich möchte euch den Predigttext jetzt noch einmal vorlesen, und ich lade euch ein, dass ihr einmal versucht, euch vorzustellen, ihr wärt die ersten Hörer – ihr wärt das Volk Israel, das von einem fremden Volk besiegt und verschleppt wurde und das nun weit weg von zu Hause leben muss. Und weiter, dass ihr das Volk wärt, das mit der Auffassung lebt, dass man an der Situation sowieso nichts ändern kann, da es ja unsere Vorfahren waren, die dafür verantwortlich gemacht werden können und müssen. Was sagt der Text zu dieser Auffassung?

Ich lese nochmal aus Hesekiel 18 die Verse 1-4. 21-24 und 30-32.

Was sagt uns dieser Text nun darüber, worauf es ankommt in Bezug auf ein gelingedes Leben?

Es kommt auf mich an, nicht auf meine Herkunft, meine Vorfahren etc.

Zunächst einmal räumt Hesekiel grundlegend mit der Auffassung auf, dass jeder Mensch seinem Schicksaal ergeben ist, da man die Konsequenzen der Schuld der Elterngeneration tragen muss. Er zitiert das Sprichwort, das in Israel populär ist. Ein Sprichwort, das jedem die Möglichkeit gibt, sich auf seiner persönlichen Situation auszuruhen. Ein Sprichwort, das lähmt, anstatt Mut zu machen zum Handeln: „Die Eltern haben saure Trauben gegessen, den Kindern werden die Zähne stumpf!“ Tja, wir sind hoffnungslos unserer Situation ergeben. Wir können eh nichts ändern - NEIN!!! So soll es gerade nicht mehr sein in Israel. Bitte, bitte, hört doch endlich auf, das immer und immer wieder zu sagen. Nur wer sündigt soll sterben. Nicht der, dessen Eltern oder Großeltern gesündigt haben. Jeder muss die Konsequenzen für sein Handeln, aber auch nur für sein Handeln tragen. Nicht für die Verfehlungen seiner Vorfahren. Jedem ist die Chance zu eigenen Entscheidungen eröffnet.

Zunächst ist dabei im Text an die Wahl zwischen Sünde und der Konsequenz Tod und Gerechtigkeit mit der Konsequenz Leben gedacht. Jeder kann selber entscheiden, ob er in Sünde, also getrennt von Gott leben, und dafür den ewigen Tod in Kauf nehmen möchte. Oder aber, ob er sein Leben an Gottes Wort und nach seinen guten Geboten richten und dafür Leben, richtiges, gutes, ewiges Leben bekommen möchte.

Wenn das alte Testament jedoch von Tod und Leben redet, sind diese Begriffe weiter gefasst, als wir sie heute verstehen: Leben beschreibt hier nicht nur den physischen Zustand „lebendig“ - also: kann atmen, sich bewegen, das Herz schlägt, sondern Leben bedeutet ein von Gottes Geist erfülltes Leben. Ein Leben, das von Gott her kommt – von dem, der es geschaffen hat, und der allen Dingen ihren Lebensatem gibt. Wer versucht, sein Leben selber in die Hand zu nehmen und getrennt von Gott lebt, der ist nach alttestamentlichem Verständnis auch dann schon tot, wenn er physisch noch lebt.

Das bedeutet, dass sich die Frage nach Tod oder Leben nicht nur auf die Zukunft, also ewiges Leben und ewigem Tod, erstreckt, sondern auch auf viele andere Bereiche meines Lebens. Volk Israel, ergebt ihr euch den widrigen Umständen eurer Gefangenschaft, oder macht ihr euch auf, um euer Leben trotz all dieser schlechten Voraussetzungen zu gestalten? Wenn das Volk Israel aus seiner Lähmung erwacht, wird unter ihnen ein Umdenken geschehen. Leute werden beginnen, Verantwortung zu übernehmen, zu Handeln, und Leben zu gestalten.

Was bedeutet das in unsere Situation hinein gesprochen? Wir sind ja schließlich nicht im Exil in Babylon sondern leben hier und heute. Aber die Botschaft ist, davon bin ich überzeugt, für uns genauso aktuell wie für das Volk Israel damals. Unsere Beziehung zu Gott ist nicht abhängig von unserer Herkunft. „Gott hat keine Enkelkinder“, um hier nochmal ein weiteres Sprichwort zu zitieren. Jeder Mensch ist selber verantwortlich für seine Haltung Gott gegenüber. Jeder Mensch hat die Freiheit, sein Leben mit und von Gott her zu gestalten oder auch getrennt von ihm. Und das, was für meine Beziehung zu Gott gültig ist, gilt auch hier für die Gestaltung meines Lebens allgemein. Jeder Mensch hat die Freiheit, sein Leben zu gestalten oder eben auch nicht.

Ich denke, dass es in vielerlei Hinsicht doch Situationen gibt, wo wir vielleicht ähnlich denken, wie das Volk Israel. Wo wir vielleicht die Umstände dafür verantwortlich machen, dass es uns eben nicht besser geht oder dass wir nicht in der Lage sind, unser Leben aktiv zu gestalten oder Missstände zu ändern. „Ich bin eben so geprägt.“ „Meine Eltern haben es mir nicht anders mitgegeben.“ „Das war doch schon immer so. Wie sollte ich es ändern können?“

Sicherlich gibt es Dinge, die jeder von uns mit sich herum trägt, für die er nichts kann, die ihm andere Menschen – seine Eltern, Erfahrungen oder was auch immer mitgegeben kann. Dinge, die wir nicht so einfach abschütteln können. Aber trotzdem, so möchte ich jetzt sagen, lautet die Frage, und gleichzeitig die Entscheidung, vor die wir immer wieder gestellt werden: Nehme ich meine Situaiton als unveränderlich an, oder begreife ich mein Leben als Geschenk von Gott, dass ich gestalten kann? Gott eröffnet uns die Perspektive unser Leben in dem Rahmen, den er uns gesteckt hat, aktiv und bewusst zu gestalten. Dieser Gedanke begeistert und motiviert mich. Er fordert mich heraus, Chancen wahrzunehmen und zu nutzen.

Mehr als jede andere Generation vor uns haben wir heute unendlich viele Optionen, zwischen denen wir wählen können. Möchte ich diesen oder jenen Beruf lernen. Meine Arbeitsstelle behalten oder nach ein paar Jahren wechseln? Eine Fortbildung machen? In den Urlaub hier oder da hin zu fahren? Meine Zeit zu Hause zu verbringen oder lieber mit Freunden? Oder doch lieber ein neues, ganz ausgefallenes Hobby auszuprobieren? In mancherlei Hinsicht mag uns das lähmen, da wir gar nicht wissen, wie wir uns entscheiden sollen. Aber wir dürfen lernen, diese Optionen als Chancen und Angebote von Gott her zu begreifen unser Leben zu gestalten. Es kommt nicht in erster Linie nur auf das an, was mir mitgegeben wurde, sondern auf mich. Ich trage die Verantwortung für mein Leben – im Hinblick meiner Einstellung Gott gegenüber und im Hinblick auf meine Lebengestaltung. Lasst uns immer wieder lernen, das als Chance wahrzunehmen.

Gottes Wille ist Leben für alle

Vielleicht ist dieser erste Gedanke, den ich ausgeführt habe, nicht für jeden von uns so motivierend, wie er für mich ist. Vielleicht weckt er in dem einen oder anderen von uns auch eine Angst: „Was ist, wenn ich mein Leben nicht richtig gestalte? Was passiert, wenn ich Fehler mache? Auch wenn ich nicht die Verantwortung für die Sünden meiner Eltern und Großeltern übernehmen muss, meine eigenen Sünden reichen doch sicherlich schon aus, um mich ins Aus zu befördern!“ Vielleicht sind es solche Gedanken, die uns wiederum lähmen wollen, und abhalten wollen, das Potenzial, das Gott in uns hinein gelegt hat, auszuschöpfen.

Aber wenn es uns so geht, dann gibt es in dem Text auch eine gute Nachricht für uns: Gott geht es nicht darum, gefühllos und kalt Gerechtigkeit aufzurichten. Nach dem Motto: Wenn du gut gehandelt hast, hast du Glück gehabt. Sonst hast du eben deine Chance vertan. So ist Gott nicht. Nein, sein Wille ist Leben für alle Menschen, und zwar gutes und gelingendes Leben. In Vers 23 heißt es: „'Glaubt ihr', fragt Gott der Herr, 'dass ich mich über den Tod eines gottlosen Menschen freue? Ich freue mich vielmehr darüber, wenn er sein Verhalten ändert und am Leben bleibt.'“ Dieser Ansatz zieht sich durch die ganze Bibel hindurch. Gottes Wille ist Leben für seine Menschen, nicht der Tod! Er hat eine tiefe Sehnsucht danach, mit uns Leben zu gestalten. Und nicht nur mit uns, sondern mit allen Menschen. Und dabei möchte er uns auch helfen.

Um noch einmal mit dem Sprichwort vom Anfang zu sprechen: Die gute Nachricht liegt nicht nur darin, dass uns die Zähne nicht stumpf werden von den sauren Trauben, die unsere Eltern gegessen haben. Nein, sondern sie geht noch weit darüber hinaus. Nach Gottes Logik müssen unsere Zähne noch nicht einmal von den Trauben stumpf werden, die wir selber essen. Denn Gott will Leben. Aber wie soll das aussehen? Der Trick, so möchte ich sagen, um stumpfe Zähne zu vermeiden, ist gleichzeitig mein dritter Punkt: Es geht um die Umkehr. Darum, sich einzugestehen, dass man falsch gehandelt hat und einen neuen Anfang zu wagen.

Die Herausforderung für mich: Mich täglich neu zu Gott stellen

Die Möglichkeit zur Umkehr ist täglich neu gegeben. Jederzeit bin ich dazu eingeladen und aufgefordert, mich neu zu Gott zu stellen, um Vergebung für meine Sünden zu bitten und einen neuen Anfang zu machen. Die einmalige Bekehrung zu Gott hin, oder der einmalige Vorsatz, mein Leben nach Gottes Maßstäben zu gestalten, ist noch lange keine Garantie dafür, dass das auch immer so bleibt, sondern unser Glaube und unser Leben mit Gott ist ein lebenslanger Prozess. Eine einmalige Entscheidung von uns kann nie eine Garantie dafür sein, dass von nun an mein gesamtes Leben in den Bahnen nach Gottes Ordnungen ablaufen wird. Nein, sondern es ist viemehr höchst wahrscheinlich, dass wir immer wieder Dinge tun, die nicht dem Willen Gottes entsprechen. Mir geht es oft so. Da habe ich mir vorgenommen, das nächste Mal doch ganz bestimmt geduldiger zu sein in einer bestimmten Situation. Und dann kommt diese Situation und ich merke: Ich habe es schon wieder icht geschafft. Anstelle einen Konflikt in Ruhe anzugehen werde ich wütend, rege mich auf und der Streit ist vorprogrammiert. Es gibt auch Punkte, in denen ich tatsächlich vorwärts komme und es schaffe, Dinge anders zu machen. Aber es gibt in meinem Alltag genug Stolperfallen, die sich mir immer und immer wieder in den Weg stellen. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass es euch da ähnlich geht. Deswegen ist meine täglich neue Entscheidung für Gott und für ein Leben nach seinen Vorstellungen gefragt.

Für das Volk Israel hat dieser Punkt noch einmal eine ganz andere Brisanz: Sie sind in einer sehr schwierigen Lage. Und gerade da sind sie dazu aufgefordert, ihre missliche Lage nicht als Strafe Gottes zu sehen, sondern als Chance zu Umkehr und Erneuerung. Denn Gottes Wille, gelingendes Leben zu schenken, bleibt auch in und trotz schwierigen Umständen bestehen. Dies können wir, davon bin ich überzeugt, auch auf unser Leben und auf unsere schwierigen Situationen übertragen. Sehen wir sie als unglaubliche Last an oder vielmehr als Chance zur Umkehr? Dieses Wochenende hatte ich Besuch von einer guten Freudin von mir. Abends kamen wir ins Gespräch über eine Zeit in ihrem Leben, die für sie sehr schwierig war – in der in ihrem Herzen viele Verletzungen stattgefunden haben und vieles kaputt gegangen ist. Als ich sagte, wie leid mir das tut, und dass ich, wenn ich nur irgend könnte, verhindern wollte, dass es weiteren Menschen so geht wie ihr in dieser Situation, sagte sie zu mir: „Nein Cordi. Weil die Zeit war, auch wenn sie hart war, gut. Ich habe viel gelernt. Sicher hätte ich es auch anders lernen können, aber Gott hat diese Zeit genutzt, um an mir zu arbeiten und mein Herz zu schleifen und um mich ihm näher zu bringen.“ Ich habe nicht schlecht gestaunt, aber ich glaube, dass es genau darum geht: Auch schwierige Zeiten als Chancen zu begriefen. Und wenn wir beginnen, sie positiv zu sehen, dann kann jede Zeit zur Segenszeit werden, wenn ich sie nutze, um in meinem Herzen neu umzukehren zu Gott hin. Nocheinmal kommt hier also der Punkt vom Anfang zum Tragen: Es kommt auf mich und meine Entscheidugen an, und nicht in erster Linie auf die Umstände, in dene ich mich wieder finde.

Martin Buber hat einmal gesagt: „Die Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann – und nicht tut.“ Wie Recht hat er mit diesem Satz! Umzukehren, und mir vor meinem Gegenüber und vor Gott einzugestehen, dass ich falsch lag, ist oft nicht einfach. Deswegen ist es von großer Bedeutung, mich immer wieder neu vor Gott zu prüfen, Dinge in Ordnung zu bringen, Vergebung zu erfahren, mich neu auszurichten. Und das täglich. Die Verheißung für eine Umkehr ist toll: Gott verheißt uns Leben. Und nicht nur irgendeins, sondern Leben mit einer göttlichen Qualität.

Am Beispiel von Hesekiel können wir drei Dinge sehen, auf die es ankommt: Zunächst einmal, dass jeder von uns für sein Leben und seine Beziehung zu Gott selbst verantwortlich ist. Im zweiten Schritt aber, dass Gottes Wille Leben für alle Menschen ist und als drittes, dass es entscheidend ist, mich täglich wieder neu zu Gott zu stellen und so mein Herz verändern zu lassen. Lasst uns deshalb uns immer wieder neu zu Gott hinwenden, weil wir wissen, dass sein Wille ein erfüllendes Leben für uns und alle Menschen ist.

Samstag, 14. Juni 2008

01.06.2008 Voll auf Sieg - ein starkes Evangelium

Voll auf Sieg - ein starkes Evangelium

1. Korinther 9, 16 - 23

Predigt am 1. Juni 2008 in Lobetal von Roland Schindler

16 Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige!

17 Täte ich´s aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich´s aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.

18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache.

19 Denn, obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich nicht doch selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.

20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin – damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.

21 Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin unter dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne.

22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.

23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.

Was lasse ich mir es kosten, das Evangelium weiterzusagen? Dieses Evangelium ist so kostbar, dass Gott dafür alles gegeben hat. Gott hat seinen ganzen Himmel ausgeräumt und in das Evangelium gepackt. Gott hat sein Herz hinein gegeben.

Übrigens ist das ein unlösbarer Zusammenhang: Evangelium hat immer etwas mit dem Herzen zu tun und immer etwas mit „allem“. Es geht um eine heilsame Erfüllung, und diese heilsame Erfüllung kostet alles und verspricht alles.

So war das eben mit unserem Freund und seinem Wunsch, einen Marathon zu laufen. Er hat vielleicht schon einmal im Zielbereich gestanden, als tausende Läufer beim Ruhrmarathon die letzten Meter zurücklegten – triumphierend, selbstbewusst, stolz, strahlend und jubelnd. Und da dachte er: das will ich auch erleben! Da will ich das nächste Mal dabei sein. Wer aber einen Marathon bestehen will, muss eine Leidenschaft für das Laufen entwickeln. Wer sich lieber tragen lässt, der sollte seine Finger von einem solchen Vorhaben lassen. Denn alles, woran wir unsere Leidenschaft hängen, kostet etwas. Da muss man auf Dinge verzichten und einiges unterordnen. Man muss ja schließlich 41 Kilometer zurücklegen, bevor man sich im Zieleinlauf befindet. Unser Freund hätte besser beim km 16 gestanden. Da hätte er vom Mundwinkel ablesen können: „Meine Güte, worauf habe ich mich da eingelassen“ oder „Was, erst Kilometer 16 – fühlt sich an wie Kilometer 61!“ oder "Wenn ich das nächste mal mit meinen Kumpels zusammen bin, trinke ich nur Wasser…“ Ein Marathon hat seinen Preis.

Paulus wird das Bild vom Lauf sofort anschließend in den Gedankengang einbauen – aber noch ist er ganz bei der Berufung, die ihm gegeben ist: Das Evangelium hat er zu verkündigen!

Diesen Job hat er sich nicht gesucht – Gott hat ihn überwunden und er hat ihn mit dieser Verpflichtung versehen. Paulus kann nicht mehr überlegen – na, was mach ich nächste Woche? Rasenmähen, Einkaufen, freuen auf die EM? Paulus kann nur überlegen: „Wo um alles in der Welt kann ich bloß die gute Nachricht von Jesus weitersagen?“ „Wer muss diese wohltuende Neuigkeit unbedingt hören?“

Wir stellen uns momentan in unserer Stadt zusammen, dass die gute Nachricht von der Liebe Gottes, die Leben erneuern und Menschen wieder aufrichten kann, in unserer Stadt Menschen erreicht. Wir wollen ProChrist sein. Wir machen ProChrist. Aber was bedeutet das?

Damit wir wissen, wie wir mit diesem Evangelium umgehen sollen, gibt uns Paulus zwei wichtige Hinweise:

1. Setzt alles ein für das Evangelium

Dafür, dass dieses Evangelium gehört wird, tut Paulus alles. Er wird den Jude ein Jude, um ihm auf einer Ebene zu begegnen, zu verstehen und in seine Lebenswirklichkeit eine gute Nachricht zu sagen: Gott schenkt sein Heil und erneuert dein Herz, dass du aus der Liebe Gottes heraus leben kannst. Paulus kannte das Lebensgefühl derer, die „unter dem Gesetz“ stehen. Er kannte den Eifer für die Gebote Gottes. Die Forderung Gottes ist zu erfüllen. Akribisch ist auf die Vielzahl von Verordnungen zu achten. Deshalb hat man den Leuten immer wieder „die Leviten gelesen“. Man muss immer wieder hinweisen auf das, was man darf und auf das, was man nicht darf.

Paulus sagt diesen Menschen nun eine frohe Nachricht: Gott hat das Gesetz für dich erfüllt. Er hat alles für dich getan – du darfst nun in seiner gütigen Gegenwart leben und mit den Menschen das Leben und die Güte Gottes teilen.

Paulus wird Menschen, die ohne das Gesetz Gottes leben, wie einer, der von diesem Gesetz nichts weiß. Er kommt hinein in das Leben derer, die in scheinbarer Freiheit leben, die alles dürfen, alles machen, die auf grenzenlosem Terrain leben. Er lernt sie kennen. Er nimmt teil an ihrem Leben. Er nimmt wahr, was sie bewegt. Seine gute Nachricht: du lebst nicht zufällig in der Weite des Universums. Dein Schicksal ist nicht der Beliebigkeit und Sinnlosigkeit ausgeliefert, wie du meinst. Du bist geliebt und wertvoll. Gott hat sich selbst aufgemacht, um dich zu finden und er hat alles gegeben, damit dein Leben nicht verstaubt und verweht, sondern bleibt.

Wer das Evangelium weitersagen will, muss eine Leidenschaft für Menschen entwickeln. Er wird beginnen müssen, sich mit den Menschen zu beschäftigen, hinzusehen, was sie bewegt, woran sie leiden, auf was sie hoffen. Nur wer Menschen begegnet und sie wahrnimmt, kann sie letztlich entdecken und kennen lernen. Sind wir dazu bereit?

Paulus ist dazu bereit, denn er wurde vom Evangelium überwunden. Eigentlich verbrachte er seine Zeit lieber in den Bibliotheken und in den Lehrstuben. Aber die Barmherzigkeit Gottes hat ihn ergriffen, als sich ihm Jesus in den Weg stellte. Und jetzt wurde sein starkes Leben völlig umgekrempelt. Paulus sah nichts mehr – er musste sich helfen lassen. Er musste Barmherzigkeit kennen lernen. Er, der gerade noch Menschen nachjagte, um ihnen die Gebote wieder einzubläuen, erfuhr von diesen Menschen Barmherzigkeit. Sie versorgten ihn. Sie redeten mit ihm freundlich. Sie ermutigten ihn. Sie trösteten ihn. Sie begleiteten ihn auf dem Weg, Jesus Christus wahrnehmen zu können.

Paulus lernte die Menschen aus der Perspektive Gottes zu sehen: seine geliebten Geschöpfe, Gottes wertvolle Lebenspartner, geschaffen, damit Gott sie froh und glücklich macht. Aber sie leben müde und zerbrochen, sind von einem Leben ohne Gottes Güte gezeichnet, halten sich an Dinge, die ihnen später nur noch beim Untergang helfen.

Und da wird nun sein Herz ganz hibbelig. Seine Sehnsucht wurde geweckt, damit diese Menschen wieder froh werden und aufleben. Deshalb wird er den Schwachen ein Schwacher, den Schalkern ein Schalker, den Autofreaks ein Freak, den Gartenfreund ein Gartenkenner, dem Einsamen ein Einsamer und dem Marathonfan ein Marathonläufer. Er wird jedem alles, damit er nur die Gelegenheit hat, ihm die gute Nachricht von Jesus Christus weiterzusagen. Und mehr muss er nicht: nur weitersagen! Alles andere macht Gott. Er muss nicht überzeugen, nicht bedrängen, nicht schimpfen und nicht das madig machen, was dem andern bislang so wichtig war. Er hat eine Frohbotschaft und keine Drohbotschaft! Denn in dieser Botschaft liegt das Herz Gottes!

Paulus lässt es sich viel Kosten, dieses Evangelium weiterzugeben und in die Lebenswelt von Menschen zu bringen. Er wird dabei auch enttäuscht, verlacht, bedroht, geschlagen und verklagt. Aber die Liebe Gottes hat ihn gepackt und er gönnt jedem diese Liebe – sogar seinen Verklägern und Lästerern.

Das Evangelium sagt den Menschen die Barmherzigkeit Gottes zu. Es gibt so viele irrige Meinungen und Aussagen über Gott. Nur wer von der Barmherzigkeit und Güte Gottes berührt wurde weiß aber, was das Geheimnis des Evangeliums ist: Gottes Barmherzigkeit. Deshalb muss diese Botschaft zu den Menschen!

Gönnt den Menschen diese gute Nachricht, dass sich Gott in Jesus aufgemacht hat, sie zu suchen, sie zu finden, mit ihnen zu leben und mit ihnen das Leben zu teilen und das Leben zu feiern!

Deshalb lernt Menschen kennen. Bleibt stehen. Setzt euch zu ihnen. Nehmt sie wahr. Nehmt euch Zeit. Entdeckt den Menschen neben euch – im Arbeitspartner, im Nachbarn, im Fußballfan, in der alten Dame nebenan, im rotzfrechen Knirps aus dem ersten Stock, in der Bankreihe vor dir im Klassenraum oder dem Vorlesungsraum! Und dann sagt ihnen das Evangelium.

2. Erwartet alles durch das Evangelium

Dieses Evangelium hat es in sich. Denn darin steckt ja der ganze Himmel, das ganz Herz Gottes.

Im Evangelium schenkt sich der lebendige Gott den Menschen. Wer das Evangelium hört erfährt Gottes Güte. In diesem Evangelium schenkt sich der lebendige Gott. In diesem Evangelium findet man Christus. Durch diese Botschaft kommt das Leben.

Und wer diesem Evangelium dient, dem dient das Evangelium. Paulus hat erfahren, wie Gott ihm auf den Weg zu Menschen immer wieder hilft, wie er ihn versorgt, wie er ihn ermutigt und stärkt. Paulus wird durch die Gemeinde versorgt und diese Gemeinde entstand ja durch nichts anderes als durch das Evangelium.

Wer dem Evangelium dient, dem dient auch das Evangelium. Das ist eine erstaunliche Geschichte. Wer Zeit und Kraft einsetzt, diese frohe Botschaft zu Menschen zu bringen, der wird dabei hilfreiche Erfahrungen machen, erstaunliche Fertigkeiten bekommen, Freunde gewinnen und über einen barmherzigen Gott staunen, der ihn selbst wunderbar umsorgt und versorgt.

Deshalb lesen wir in der Bibel – Gott versorgt uns durch sie. Wir dürfen in dieser Erwartung an sein gutes Wort herantreten und uns „satt“ lesen. Wir dürfen Gutes erwarten.

Paulus sagt: Wir haben Anteil am Evangelium – das ist so etwas wie eine Versorgungsgemeinschaft. Diese Evangelium ist der offene Himmel in unserem Leben. Gottes Herz finden wir hier offen und er will uns immer wieder neu mit Gutem überschütten.

Deshalb ist evangelisieren auch so eine schöne Aufgabe, denn wir bringen durch das Evangelium Gottes geöffnetes Herz und seine Barmherzigkeit zu den Menschen. Wir müssen nicht Menschen zu Gott schleppen. Wir bringen Gott zu den Menschen.

Dazu möchte Gott uns also in Bochum aufstellen, dass er durch uns zu den Menschen in der Stadt kommen. Dazu möchte er uns seine guten Gaben geben – Leidenschaft ist dabei vorneweg. Es ist eine leidenschaftliche Aufgabe, Gott den Menschen nahe zu bringen.

Deshalb lasst uns für dieses Evangelium immer wieder neu alles tun – es soll zu den Menschen kommen. Und lasst diesem Evangelium auch für euch alles tun – räumt ihm Zeit ein, damit ihr durch das Lesen und Hören von Gottes gutem Wort erfüllt werden.

Wer das Evangelium weitersagen will, der muss nicht aufs Leben verzichten, wie unser Freund, der Marathonläufer. Er muss nicht entsagen und fasten, leiden und darben. Wer dazu beiträgt, dass das Evangelium zum Ziel kommt – nämlich zu traurigen, verzweifelten, einsamen und leidenden Menschenherzen – der wird dabei selbst gestärkt und erfüllt, der wird froh und tragfähig. Mit diesem Evangelium kann man „voll auf Sieg“ setzen – denn darin wirkt der lebendige Gott!

Amen