Montag, 12. Januar 2009

11.01.2009 Der Himmel auf Erden

Matthäus 3, 13-17

Predigt am 11. Januar 2009 in Lobetal von Roland Schindler

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von Dir getauft werde, und du kommst zu mir?

15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er´s geschehen.

16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.

17 Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Einstieg: Das Anspiel „Drei Wünsche Fee“

Tja, immer diese Bedingungen. Sie können sich vielleicht noch an die kleine Bedingung erinnern, die Jesus dem Mann gegenüber nannte, damit er ins Leben einsteigen konnte. Dieses „eine“, das ihm noch fehlte. Alles war perfekt. Erstaunliche Qualitäten brachte er mit. Er hatte einiges vorzuweisen – er stand scheinbar auf der Sonnenseite des Lebens. Aber da tauchte er urplötzlich in dunkle Wolken ein als er das hörte: „Gehe hin, verkaufe alles was du hast und gib es den Armen; und dann komm, und folge mir nach!“ Nein, er schaffte es nicht, in den Himmel zu kommen. Es gelang ihm nicht, in Gottes leidenschaftliches, bedingungsloses und barmherziges Lieben hineinzuschlüpfen.

Wie soll man da überhaupt in den Himmel kommen? Das Evangelium der letzten Woche lautete: „Wenn wir an dieser Stelle am Ende sind und nichts können – Gott kann; er hat Möglichkeiten, dass wir schaffen, was wir nicht schaffen können!

Wie können wir in den Himmel kommen? Die frohe Botschaft von heute lautet: Wir brauchen uns nicht zum Himmel aufmachen. Der Himmel kommt zu uns!

Birgit überschrieb das, was sie uns heute sagen wollte mit „Der Himmel auf Erden“. Das stimmt. Der Himmel kommt auf die Erde.

Nun ist das mit dem Himmel auf Erden ja so eine Sache. Himmel auf Erden – das stellt man sich schlaraffenlandmäßig vor, idyllisch und lieblich, alles harmonisch. Wir malen uns den Himmel so aus. Wir packen alles hinein, was wir gerne hätten. Himmel – das ist der Ort unserer Träume aber nicht das Gebiet unseres Lebens! Das Fazit: Der Himmel ist weit weg. Hier auf Erden findet man ihn nicht. Hier findet man nur die Hölle!

Der Himmel auf Erden? Damit hat man ein Problem. Denn hier ist es nicht einfach, nicht harmonisch, nicht idyllisch, nicht lieblich – wir erfahren doch jeden Tag die Wucht des alltäglichen Lebens. Die Kluft zwischen meinem persönlichen Leben in so vielen Spannungen und mit so elementaren Schwierigkeiten und der Himmel-auf–Erden-Idylle ist so gewaltig, dass es einfach nicht zusammen passt. Himmel und Erde passen nicht zusammen.

„Himmel“, das würde doch bedeuten: kein Leid, keine Unzufriedenheit, keine Selbstzweifel, keine Schuld, kein Versagen, keine Ohnmacht, genug Kohle, siegreicher VfL, keine Problem, liebe Kinder, noch liebere Eltern, keine Einsamkeit…. Alles, worunter wir hier leiden, würde es doch im Himmel nicht geben.

Gerade Christen, die vom Himmel wissen, tun sich oft mit dem Leid so schwer. Leid ist doch eine Un-Möglichkeit! Leid ist nicht vorgesehen im Himmel – und wenn der Himmel auf die Erde gekommen ist, warum leide ich dann noch. Etwas passt da nicht zusammen. Wer passt da nicht auf? Da wird man unzufrieden. Da lebt man ja im Defizit. Manche Christen neigen dazu, zwei verschiedene Lebensweisen aufzubauen: eine christlich Harmonische – Gemeinde als Idylle, ein lieblicher Geruch… und dann die Alltägliche mit all ihren Spannungen und Halbheiten. Ergebnis: Man wird unzufrieden!

Übrigens gibt es das gleiche Unzufriedenheitssyndrom auch beim Ansehen von Filmen. Wer sich viele Filme ansieht, in denen am Ende alles glatt läuft, alle Probleme gelöst werden und die Liebe siegt, der wird unzufrieden.

Der WDR brachte an Weihnachten folgende Meldung: „Wer ein Fan von romantischen Liebeskomödien ist, dessen Beziehung oder sogar Ehe ist in Gefahr. In den Hollywood-Filmen seien Beziehungen von Anfang an aufregend und hätten eine Qualität, die sonst erst nach Jahren entwickelt würde. Dies fanden Forscher der "Harriet Wood Universität" in Edinburgh heraus. Die Forscher hatten Paare und Paartherapeuten zu ihrem Liebesfilm-Konsum befragt und dann 200 romantische Hollywoodfilme analysiert. Aber nicht nur Filme beeinflussen die Menschen, auch Videos, Bücher und Liedertexte übten Faszination aus. Viele Paare sähen nicht, dass es intensiver Kommunkation bedarf, um eine vertrauensvolle Partnerschaft zu entwickeln.“ Sie erwarten etwas für die eigene Beziehung, was man sich erst über viele Jahre hinweg erwerben muss, in dem man miteinander redet, miteinander sich den Problemen stellt und den andern mehr und mehr entdeckt und versteht.

Aber statt dessen wird man mit dem andern unzufrieden. Sie kommt nicht ständig zum Kuscheln, er trägt nicht den Müll raus und macht auch keinen Kochkurs, sie liest ihm nicht die Wünsche von den Lippen ab, er macht keinen Tanzkurs und die Kinder zündeln in diesem explosiven Beziehungsgemisch ständig herum.

Der Moderator riet: „Schauen sie sich öfters ein Drama an.“ Tragödien eignen sich ebenfalls, um dem IST-Zustand seines Beziehungslebens doch noch etwas abringen zu können.

Himmel auf Erden – gibt es nicht!“

Sehen wir uns unser Wort einmal genauer an. Lassen wir uns darauf ein, dass unsere „Himmel-auf-Erden-Vorstellung“ heute morgen korrigiert wird.

Unsere Geschichte Endet damit, dass der gesamte Himmel auftritt und deutlich macht: Jesus aus Nazareth ist Gottes geliebter Sohn. Gott öffnet den Vorhang der Verborgenheit und wird hörbar: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Gott sieht Jesus an und strahlt: sehr gut!

Der unsichtbare ewige Gott outet sich als Vater dieses Mannes. Aber nicht nur das. Gottes Kraft und Schöpfermacht kommt auf diesen Mann. Der Geist Gottes, indem Gott alles Geschaffen hat kommt wie eine Taufe herab auf diesen Jesus.

In dieser Geschichte erkennen wir: Himmel ist total ausgefüllt von Gott! Und in diesem Jesus aus Nazareth kommt der Himmel zu uns!

Aber nun sehen wir uns einmal an, was das denn bedeutet!

1. Jesus teilt unser Menschsein und unser Schicksal

Jesus ist also auf die Erde gekommen. Er sonderte sich nicht ab. Er errichtete nicht irgendwo am Tempelrand ein Büro und gibt seine Sprechzeiten aus: himmlische Ratschläge für gelingendes Leben!

Nein, Jesus teilt das Leben der Menschen. Er sucht diese Menschen. Er öffnet ihre Augen für seinen Vater und den Himmel. Er zeigt ihnen Zeichenhaft etwas von der Güte und Barmherzigkeit Gottes. Er zieht umher. Er hat kein Zuhause. Er wird hungrig. Er muss vor den Nachstellungen der Mächtigen fliehen. Er wird zum Außenseiter, weil er der Religion des Landes nicht entspricht. Er flieht vor der Willkür eines Tyrannen. Er leidet am Jammer der Menschen. Der ständige Vertrauensbruch der Leute schmerzen ihn. Er leidet an der Lieblosigkeit. Er leidet an den tausend Leiden, unter denen Menschen sich quälen. Er wird verraten. Er wird verspottet. Er wird geschunden und gefoltert. Er wird hingerichtet. Er wird verscharrt.

Jesus gibt sich in unser Dasein hinein. Er trägt es. Er erleidet es. Er teilt es mit uns.

Deshalb suchte er damals Johannes auf. Dieser Johannes taufte Menschen zum Schutz. Er sagte den Menschen: Der Himmel kommt, deshalb ändert euer Leben, denn sonst überlebt ihr seine Ankunft nicht. Führt ein Leben nach den Lebensordnungen Gottes! Übt euch im Alltag in tätiger Liebe gegenüber denen, die Euch begegnen. Lasst euch taufen! Fällt eine Lebensentscheidung: lebt wieder nach dem Herzen Gottes und nicht mehr nach dem, was euch in den Sinn kommt. Wascht das Alte ab – es würde in der Glut der Liebe Gottes vergehen. Zeigt ab jetzt, zu wem ihr gehört! Beugt euch unter das, was Gott von Euch fordert!

Und da kommt Jesus und stellt sich zu all den Menschen, die angesichts des nahenden Himmels ihre ganze Ohnmacht erklären und nur noch rufen können: Gott, erbarm dich über mich und über das, was ich da Jahr für Jahr zusammenlebe!

Und nun geht Jesus hinein in das ganze Leid dieser Welt. Stellt euch das bitte so vor: Jesus taucht in das Leid ein. Der Himmel kommt ins Leid! Wir meinen immer, im Himmel ist kein Leid.

Wir haben keine Ahnung!

Im Himmel wird geliebt, und deshalb leidet man dort ohne Ende. Was tut es Gott im Herzen weh, wenn er sieht, was hier Menschen mit Menschen tun, wenn er die harten Herzen sieht, an denen seine geliebten Menschen zu Grunde gehen. Im Himmel wird Rotz und Wasser geheult – ständig! Oder meint ihr, Gott ist Schnitzel und schaut auf den Gazastreifen, schaut auf Simbabwe, auf Afghanistan, auf den Irak, schaut auf die frierenden Menschen in Rumänien und in der Türkei, auf die arbeitslosen Nokianer und auf die vielen Leute, die einfach überfordert sind mit dem, was ihnen ständig begegnet und abverlangt wird, auf die unzähligen Tränen seiner geliebten Menschen. Gott muss schlecht aussehen! Er leidet!

2. Jesus erfüllt, was wir zu tun hätten und er bezahlt für alles, was wir verbockt haben.

Deshalb bat er seinen Sohn auf die Erde. Deshalb stand Jesus damals vor Johannes. Der sieht Jesus und erkennt sofort, wer da vor ihm steht – das ist erstaunlich, denn so richtig begegnet sind sie sich noch nicht. Als Babys sind sie sich mal nahe gekommen. Aber schon da hat der kleine Johannes im Bauch seiner Mama einen Freudentanz veranstaltet. Johannes hat ein feines Gespür – und er sieht: da kommt Gott aus seinem Himmel auf die Erde. Wieso will er sich taufen lassen. Das hat er doch nicht nötig. „Ich bedarf doch viel dringender, dass, du Jesus, mich taufst!“

Und jetzt hören wir das Motiv, um das es Jesus geht. Und er schließt in dieses Motiv auch Johannes ein und zeigt, dass die Sendung des Johannes dieses eine Ziel hatte: Den Weg bereiten, damit die Gerechtigkeit Gottes in unserem menschlichen Dasein geübt und erfüllt wird. Die Taufe des Johannes ist für Jesus wie ein „Tor“, durch das er in unser Leben eintritt um es auszufüllen und zu erhellen mit der Güte, der Barmherzigkeit und der Liebe Gottes. Denn das ist ja das, was Gott zu recht fordert: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig zu sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8).

3. Jesus tauft uns mit dem Heiligen Geist

Johannes weiß: „Ich taufe mit Wasser; doch danach tritt der auf, der mit dem Heiligen Geist tauft!“

Das ist das Ziel der Sendung Jesu: Der Heilige Geist soll sich in unserem Herzen niederlassen. Jesus schickt ihn uns, wenn wir ihm vertrauen und uns seine Gerechtigkeit schenken lassen.

Die Taufe ist Übereignung meines Lebens an diesen Jesus – weil ich weiß, dass es ohne ihn nicht gelingen wird. Mein Leben wird scheitern an den Herzproblemen dieser Welt und an meinen Herzproblemen; kalte Herzen, harte Herzen, verletzte Herzen, weinende Herzen – und am Ende Herzstillstand.

Aber durch den Heiligen Geist gießt Gott seine – seine ganz Persönliche – Liebe in unser Herz! Gott opfert seine Liebe! Die Taube war das kleinste Opfertier als Versöhnungs- und Dankopfer. Das Opfer des „kleinen Mannes“! Gott opfert sich und gibt sich in unsere Herzen, in das Herz des erbärmlichsten Mannes und der zerbrochensten Frau. Wer zu Gott sagt: Herr erbarme dich!, der wird übergossen mit der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, der muss nun nicht mehr aus sich leben, sondern der findet in seinem Leben die „Kraft Gottes“ – und das ist die Kraft, die Liebe durchzuhalten!

Wer sich nun in der Taufe ganz Gott übereignet, der darf in seinem Leben von dem Leben, was Jesus für ihn getan und vollbracht hat. Er kann in der Gemeinde und in seinem Alltag die Liebe Gottes ins Spiel bringen, in Geduld schwierige Situationen und Menschen ertragen, immer wieder seine Kraft einsetzen, um die Liebe Gottes zu den Menschen zu bringen!

Ich schließe mit einem Zitat aus einem Interview mit Udo Jürgens (TV Hören und Sehen Nr. 3 vom 17. – 23. Jan. 2009). Da sagt Udo Jürgens auf die Frage: „Wer ist denn ihr ganz persönliches Supertalent?“ „…und ältere Ehepaare, die sind für mich die wahren Helden.“ Und auf die Frage „Warum?“ begründet er: „Weil ich das nicht geschafft habe. Wenn ich sehe, wie sie Händchen halten, schaue ich ihnen oft hinterher. Mich berührt das sehr. Da habe ich etwas verpasst in meinem Leben – das macht mich traurig. Nachdenklich. Denn sie haben trotz all ihrer Probleme ihre Liebe nicht in den Müll geworfen…“

In dieser Welt kann man wieder leben mit dem langen Atem der Liebe Gottes. In dieser Welt kann man wieder vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes und dieses Vertrauen auf ihn durchhalten. In diesen Koordinaten sein Leben gestalten: Gott vertrauen; auf Gott seine Hoffnung setzen; Gott und die Menschen lieben und dienen. Jesus halt dafür alles getan. Mit ihm ist der Himmel auf die Erde gekommen – und in unser Leben!

Amen

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