Dienstag, 24. Februar 2009
08.02.2009 Staunen am Zahltag
Matthäus 20, 1 – 16
1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.
2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tageslohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen
4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch in den Weinberg.
8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbei-ter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestallt waren, und jeder empfing seinen Silbergro-schen.
10 Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen.
11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherren und sprachen:
12 Die Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.
13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht, Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.
15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?
16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.
Staunen am Zahltag – vor zwei Wochen staunte jemand nicht schlecht: Er ging zur Volksbank, um am Automaten Geld abzuheben. Und als er so seine Karte einführt sieht er: Da steckt ja Geld in der Ausgabe! Hey – ist heute Zahltag! Schnell steckte er das Geld ein und ging fröhlich seiner Wege.
Naja – das Dumme war nur, dass vor ihm ein kleiner Angestellter Geld abheben woll-te und so in Gedanken war, dass er die Karte entnommen, das Geld aber stecken ließ. Immerhin: es war ein kleiner Beitrag eines bescheidenen Menschen zur Ankur-belung der Konjunktur! Ich fragte natürlich am Schalter, ob jemand Geld abgegeben hätte. Aber das wurde verneint. Auch auf die Frage, ob aufgefallen sei, dass jemand fröhlich und vergnügt die Bank verlassen hatte, wurde nur durch Kopfschütteln be-antwortet.
Des einen Glück war hier des andern Pech! Wie aber verhält es sich in unserer Ge-schichte? Haben da auch die einen Glück und die anderen Pech? Ist am Zahltag Gottes am Ende der Zeit auch ein Staunen angesagt?
In unserer Geschichte staunen die Ersten und die Letzten: Die Letzten staunen, dass sie so viel bekommen, wie die Ersten. Die Ersten staunen, dass sie nicht mehr be-kommen als die letzten, obwohl das, was sie bekamen, genau der Lohn war, der vor-her abgemacht wurde. Das Staunen der Ersten war geprägt von einer großen Entrüs-tung: wie kann es sein, dass wir, die wir so viel länger uns eingesetzt und gearbeitet haben als die anderen, genau das gleiche bekommen? Ist das gerecht? Muss man in diesem Gleichnis nicht die Krise bekommen angesichts der gleichen Entlohnung de-rer, die den ganzen heißen Tag geschuftet haben im Gegensatz zu denjenigen, die nur eine Stunde – in kühler Abendluft – gearbeitet haben.
Jesus möchte mit dieser Geschichte seinen Leuten eine Frage beantworten, die mehr oder minder ausgesprochen wird: Was habe ich davon, wenn ich mich in Lobe-tal Tag ein und Tag aus abrackere, Gemeindeangebote mitgestalte, meine Zeit und mein Geld einbringe, zu Sitzungen und Mitarbeiterbesprechungen gehe und bei ProChrist auch noch mitmache? Was wird Gott mir geben? Oder sagt er gar: das war viel zu wenig Einsatz von dir!? Wie ist das mit dem Lohn am Ende der Zeit - darf ich hoffen oder muss ich da was befürchten?
1. Wenn es um den Lohn geht, dann ist das markante Kennzeichen Gottes nicht seine Gerechtigkeit, sondern seine Güte
Würde Gott gerecht in unserem Sinne sein, dann bekäme keiner von uns auch nur einen Cent für sein Arbeiten – denn unser Arbeiten würde als „Wiedergutmachung“ für all das dienen, das wir vorher zu Lasten Gottes verprasst haben: Zeit, Geld, Kraft, Talent. Vor allem aber haben wir Chancen verprasst, in denen wir anderen helfen, sie lieben, sie heilen, sie stärken und sie retten hätten können. Wir haben so viele Mitmenschen „liegen“ gelassen. So wenig Barmherzigkeit zeichnete uns aus – viel mehr prägt uns Hartherzigkeit.
Nein, das Leistungsprinzip zählt bei Gott nicht, und auch mit unserem Verständnis von dem, was „recht“ ist und was nicht, kommen wir hier nicht weiter – obwohl der Herr in unserem Gleichnis ja keinem weniger gibt als verabredet.
Am Ende dieses Gleichnisses erfahren wir das bestimmende und alles überbietende Motiv Gottes: seine Güte! Gott bezahlt nicht – Gott ver-güte-t! Er gibt aus seinem Gutsein heraus!
Jesus erzählt dieses Gleichnis und sofort im Anschluss daran folgt seine dritte Lei-densankündigung – der dritte, der eindeutige Verweis darauf, dass wir das Ziel seiner Sendung erkennen sollen: Leiden und Sterben und Auferstehen. Und das alles für uns.
Wir Menschen denken: „Was habe ich davon, wenn ich Gott diene?“ Gott denkt: „Wie kann ich den Menschen dienen, damit sie leben können?“ Welten liegen zwischen beiden Denkansätzen. Der Mensch denkt an sich – und Gott denkt für dich!
In der Bibel wird immer wieder neu über Gottes Güte gestaunt. Er ist nicht nur derje-nige, der unsere Schuld begleicht, die Risikopositionen übernimmt und unser Leben grundlegend saniert – er zahlt obendrein noch einen Lohn! Er gibt schon alles, damit wir in ein Leben kommen, in dem wir geborgen, versöhnt, entlastet und zufrieden sind – er gibt sogar noch eine Zusage, in dem unser Glück unfassbar wird: Gesicher-te Zukunft in einem erfüllten Leben!
So ist Gott. Und dieses Wort lädt uns ein: nun freu dich doch über Gottes Güte! Freu dich mit! Sie gilt dir – aber sie gilt eben auch anderen. Und Gott gewährt sie, wem er will. Er ist frei, Menschen zu beschenken. Er grenzt niemanden aus.
Das ist das Zweite, das es zu bedenken gilt:
2. Gottes Güte stellt alles auf den Kopf
Diese Güte gilt auch den anderen – auch denen, von denen wir behaupten würden: „das sind doch wirklich die allerletzten!“
In diesem Gleichnis erfahren wir – wie überhaupt in der Bibel – dass im Reich Got-tes, also dort, wo Gott wirksam ist und wo er anwesend ist, alles auf dem Kopf ge-stellt wird, was uns hier in unserem Leben leitet und prägt. Wir teilen ein in Erste und Letzte, in Große und Kleine, in Berühmte und Berüchtigte, in Spitzenvereine und Ab-stiegsabonnenten, in Erfolgreiche und Loser, in Brauchbare und Unbrauchbare. Gott nicht. Bei ihm gibt’s das nicht. Gott hält den Menschen für liebenswürdig!
Martin Luther hilft uns im Verstehen. Ich zitiere eine Passage aus seiner Predigt über unser Wort:
„So ist dies die Summa dieses Evangelii: Kein Mensch ist so hoch noch wird so hoch kommen, der nicht zu fürchten habe, er werde der Allerniedrigste. Wiederumb, nie-mand liegt so tief fallen, dem nicht zu hoffen sei, er müge der Höhest werden. Weil hie alle Verdienst aufgehaben und allein Gottes Güte gepreiset wird, und beschlos-sen ist festiglich: Er Erste soll der Letzte und der Letzte soll der Erste sein!
Damit, dass er spricht: der Erste soll der Letzte sein, nimmt er dir alle Vermessenheit und verbeut dir, dass du dich über keine Hure erhebst, und wenn du gleich Abraham, David, Petrus oder Paulus wärest.
Damit aber, dass er spricht: der Letzte soll der Erste sein, wehret er dir alle Verzweif-lung und verbeut dir, dass du dich unter keinen Heiligen werfest, wenn du auch Pila-tus, Herodes, Sodom oder Gomorra wärest.
Denn gleichwie wir keine Ursache haben uns zu vermessen, so haben wir auch keine Ursache zu verzweifeln, sondern die Mittelstraße wird durch dieses Evangelium ge-predigt und bewahret, dass man nicht nach dem Groschen sehe, sondern nach der Güte des Hausvaters.“ (Luther, Kirchenpostille)
Unser Herz schwankt ständig zwischen Hochmut und Depression. Gottes Wort löst uns von unserer Selbstbetrachtung und gibt den Weg frei, damit wir auf Gott sehen – und dann schauen wir der Güte in die Augen! Wertschätzende, liebende, sich ver-schenkende Güte – das ist Gott.
In der uns verbleibenden Zeit können wir diese schenkende Güte Gottes einüben. Wenn in seinem Reich unsere menschlichen „Normen“ auf den Kopf gestellt werden, dann sollten wir nun Jesu Normen handhaben: Wir können die „Kleinen“ achten, die „Schwachen“ wertschätzen und den „Geringen“ Raum geben. Wir können einüben, nicht mehr einzuteilen, nicht mehr abzuwerten, nicht mehr unsere Maßstäbe anzule-gen. Wir können mit Gottes Liebe den Menschen begegnen. Gottes Liebe willin un-seren Alltag kommen und durch uns die Menschen berühren – sonst gibt ein me-ckerndes Staunen am Zahltag! Wir können jetzt einüben, dass wir die Menschen von Gott her und mit seinen Augen sehen.
Dazu bedürfen wir immer wieder, dass Gott unser Herz erneuert, unsere Vergangen-heit klärt und unsere Erfahrung heiligt. Teilt eure Kinder nicht ein in leistungsstark und leistungsschwach, in fleißig oder faul – den Ehepartner nicht in brauchbar oder hilfsbedürftig – das Gemeindemitglied nicht in dienstbereit oder dienstaufwendig, spendenbereit oder bedürftig, in freundlich oder lästig – begegnet jedem in der Liebe Gottes, die nur danach sieht, was der andere braucht zur Stärkung, Förderung und zur Entfaltung dessen, was Gott in ihn hineingelegt hat. Das entspannt unser Leben. Das entspannt Familien. Das entspannt Gemeinden. Die Liebe Gottes stellt alles auf den Kopf.
Und noch ein letzter Gedanke:
3. Gottes Güte beteiligt uns an einer genialen Aufgabe
In unserer Geschichte erhielten die Arbeiter, die zu am frühen Morgen für die Arbeit im Weinberg gewonnen wurden, scheinbar ihren Lohn als Verdienst – nicht als Gna-de. Denn der Silbergroschen wurde ja vereinbart. Dafür haben sie dann gearbeitet, den ganzen Tag und wie wir hören, in Hitze und Mühsal.
Aber nun müssen wir einen Vergleich anstellen zwischen dem „Müßig auf dem Marktplatz herumhängen“ und dem „Arbeiten in einem wunderbaren Weinberg“! Wer bei diesem gütigen Herrn mitarbeiten darf, der hat es gut getroffen. Wo findet man so einen gütigen Arbeitgeber? Wo eine so lohnende Aufgabe?
Es gibt in der Mitarbeit in einer Gemeinde, sogar in so einer charmanten Gemeinde wie Lobetal, immer auch was zu schwitzen und zu plagen, zu kämpfen und durchzu-halten, zu erleiden und auszuhalten. Aber es bleibt felsenfest: Mitarbeit in der Ge-meinde Gottes ist das Wesentliche, im Leben eines Christen und es ist die Schönste Aufgabe in der ganzen Welt.
Hier gewinnt man wieder Würde – von wegen, du bist nicht zu gebrauchen! Gott will mit dir die Welt aus ihren Angeln heben! Er will deine Gaben segnen und durch sie Menschen seine Güte erweisen. Er will in all deiner Schwachheit Großes bewir-ken – das ist ein Geheimnis, dass gerade das Gebet der Schwachen und Alten eine besondere Segenszusage auszeichnet. Mitarbeiten im Weinberg – das kann wirklich jeder, das ist keiner zu alt oder zu unbegabt!
Hier gewinnt man wieder Tatkraft – die bleierne Lähmung eines an Überlastung zermürbten Menschen fällt ab – denn du bekommst alles, was du brauchst und o-bendrein noch viel mehr. Dieser Herr gibt Kraft! Überall wird Kraft von uns gefordert, unser Einsatz ist gefragt. Aber in der Gemeinde Gottes gibt er uns alles, wodurch wir seine Gemeinde fördern und formen sollen. Es gibt heure viele müden Menschen, die eigentlich in der Blütezeit ihres Lebens stehen. Aber sie sind ausgezehrt durch die vielfältigen Aufgaben, die von ihnen gefordert werden. Und ich kenne einige älte-re Menschen, die eine Ausstrahlung und eine Tatkraft besitzen, die einfach nur er-staunlich ist. Das Geheimnis eines gestalterischen und agilen Lebens ist die Quelle, aus der Kraft und Zuversicht gewonnen werden.
Hier gewinnt man wieder Lebensperspektiven – denn es geht nicht darum, wie wir die Zeit vergnügt totschlagen, sondern Menschen helfen, deren Lebensschiff am sin-ken ist. Es gibt zu viele lohnende Aufgaben in unserem Umfeld, zu viele Menschen, nach denen sich Gott in seiner Liebe sehnt, als dass wir unsere Zeit vergeuden und unsere Talente ungeübt lassen.
Staunen am Zahltag – Staunen über Gottes Güte, das ist es, was uns am Tag unse-res Gottes bevorsteht. Wir dürfen uns jetzt einüben in Gottes Güte – dann werden wir uns später mitfreuen über all diejenigen, die erstaunlicher Weise Erste sind, die groß sind und die bei Gott zu Ehren kommen. Und es gibt schon jetzt viel zu staunen, denn schon jetzt erweist sich Gott als „barmherzig und gnädig, geduldig und von gro-ßer Güte“! (Psalm 103,8)
Amen
Montag, 16. Februar 2009
15.02.2009 Das Wort Gottes kommt zum Ziel
Predigt in Lobetal von Birgit Hasenberg
Predigttext (zunächst nur Lukas 8, 4-8):
Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf. Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's.
Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Ihr Lieben!
„Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen.“ - Mit diesem einen Satz ist Jesus mitten drin im Alltagsgeschehen der Menge, die ihm gefolgt ist.
Große Reden sind sie gewohnt - und große Taten hatten sich herumgesprochen; als guter Wanderprediger ist Jesus bekannt - aber als Geschichtenerzähler hatten sie ihn vorher noch nicht erlebt.
„Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen.“
Wenn ich mir die Handbewegung so vorstelle, dann musste ich in diesen Tagen daran denken, dass wahrscheinlich viele von uns genau diese auch “ausgeführt” haben ... allerdings müsste der Satz dann eher heißen: Es ging ein Hausbesitzer aus, zu streuen Salz auf seinen Bürgersteig....
Das klingt zwar nicht so abgerundet wie bei Martin Luther - aber der Wunsch, dass diese Salzkörner etwas Sinnvolles tun, (und nicht nur die Schuhe und die Wohnungen verdrecken), der ist doch auch vorhanden ... und auch so Salzkörner können “falsch” fallen.
Aber vielleicht bleibe ich doch besser bei dem Wortlaut Jesu:
„Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen.“
Dieser Einstieg in eine Rede Jesu ist neu - jedenfalls dem geneigten Leser dieses Evangeliums... und irgendwie scheint diese ganze Geschichte nicht richtig zu passen zu dem Mann, der sonst so vollmächtig von Gott und vom Glauben redet:
„Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten ... Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.“
Solche - provokativen - Sätze erwarten sein Zuhörer; solche Sätze klingen lange nach; solche Sätze rütteln auf und setzen in Bewegung, so dass die Menge Jesus folgt und mehr von ihm hören will.
„Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen.“
Was soll diese Geschichte? Ist Jesus unter die Romantiker gegangen?
Warum erzählt Jesus von der harten Arbeit eines Bauern?
Gekonnt skizziert Jesus die Realität eine Bauern in Palästina; gekonnt skizziert er die Lebensrealität seiner Zuhörer. Ja, seine Zuhörer können sich ohne Probleme in diesen Sämann hineinversetzen ... vielleicht haben sie genau das schon selbst erlebt: zuerst sind sie über das Stück Land gegangen, das zum Ackerfeld werden soll und haben ihren Samen ausgestreut ... auf den Weg, den Felsen, zwischen die Dornen und den noch vom letzten Jahr erhaltenen „guten Boden“: Erst danach sind sie dann mit dem Pflug über das ganze Stück Land gezogen und haben den Boden aufgebrochen, so dass die Samen untergepflügt werden.
Zwischen dem Säen und dem Pflügen liegt die „Risikospanne“. Nicht jeder Samen hat überhaupt die Chance wirklich aufzugehen und dann auch Frucht zu tragen. Bis der Pflug den Boden aufbricht, kann schon viel passiert sein mit so einem Samenkorn. Ja, so ist das im Leben eines Bauern. Es gibt ein „Berufsrisiko“.
Jesus erzählt vom Alltag der Menschen; seine Zuhörer können sich ohne Probleme in ihrer eigenen Mühe um den Samen und das Ackerfeld, in ihrem Hoffen und Bangen um die Ernte wiederfinden.
Was aber soll diese Geschichte, dieses Gleichnis?
Schon Jesu Jünger hatten diese Frage gestellt - und diesmal, anders als bei anderen „Gleichnissen“, die Jesus erzählt hat, hat er auch selbst eine Erklärung beigefügt, die uns der Evangelist nicht verheimlicht.
Ich lese aus Lukas 8 noch die Verse 9-15:
Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis zu bedeuten habe.
Er aber sprach: Euch ist´s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, den andern aber in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen, auch wenn sie es sehen, und nicht verstehen, auch wenn sie es hören. Das Gleichnis aber bedeutet dies: Der Same ist das Wort Gottes. Die aber auf dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. Die aber auf dem Fels sind die: wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Doch sie haben keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht. Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.
„Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen.“ - Der Same ist das Wort Gottes.
Mit diesem Schlüssel zum Verständnis erhält das Gleichnis vom Sämann eine neue Dynamik: denn nun geht es nicht mehr um das so mühsame und oft so vergeblich erscheinende Tun eines Bauern in Palästina; nun geht es um Gottes Tun und um unsere Aufgabe:
Gott gibt sein Wort in diese Welt und dort soll es „Frucht“ bringen. Ja, so ist das - und doch stimmt es nicht ganz, denn das Wort „Welt“ sprengt den Rahmen des Gleichnisses.
Der Sämann ist ja nicht in ganz Palästina herumgelaufen und hat irgendwohin seinen Samen verstreut, vielleicht sogar in den See Genezareth - und hat dann erwartet, dass irgendein „Wunder“ geschieht und die Samen aufgehen.
Nein, der Sämann hat den Samen auf das Stück Land geworfen, das als Ackerboden bestimmt war ... und so ist das auch mit dem Wort Gottes:
Das Wort Gottes kommt nicht einfach nur so in die Welt; das Wort Gottes kommt zu Menschen, die es hören können.
Das Wort Gottes kommt zu den Menschen - und dann?
Schauen wir doch einmal, was dann passieren kann. Ich gehe jetzt einfach durch die Reihen und “streue” Wort Gottes aus ... [es werden für jeden und jede kleine Kärtchen mit Bibelworten ausgeteilt ... die Gottesdienstbesucher sind eingeladen, das Wort zu lesen, darüber nachzudenken - und dann wer mag, dieses laut vorzulesen und den anderen Anteil zu geben, warum und wie dieses Wort ansprechend ist... - ob das “umgesetzt wird” ist die “Risikospanne der Predigerin]
Durch Menschen, durch die Bibel lässt Gott sein Wort Menschen zu Gehör kommen. Und dann, wenn das Wort zu Gehör gekommen ist, beginnt die „Risikospanne“ für das Wort Gottes.
Erst wenn der Same auf den Boden geworfen ist, - und eigentlich auch untergepflügt werden könnte und aufgehen könnte, kann der Sämann erahnen, an welcher Stelle durch Dornen, Vögel oder Felsen einige der Samen keine Frucht bringen werden. -
Solange der Samen noch im Sack ist, ist es recht müßig über Erfolgs- oder Misserfolgsquoten nachzudenken!
So ist das auch mit dem Wort Gottes; erst wenn Menschen dieses Wort hören - dieses Wort von Gottes Liebe zu seinen Menschen und zu seiner ganzen Schöpfung; - erst dann kann das Wort Gottes überhaupt beginnen, Menschen innerlich anzusprechen, so dass sie sich auf den lebendigen Gott einlassen können und wollen.
Ohne die Verkündigung des Wortes Gottes können Menschen nicht in eine Beziehung zu dem Gott treten von dem die Bibel spricht. Der Mensch an sich und von sich aus hat keine Möglichkeit eine Beziehung zu dem Gott aufzubauen, der der Vater Jesu Christi ist.
Das ist das eine, was auch wir - als Jünger und Jüngerinnen Jesu von den Geheimnissen des Reiches Gottes immer wieder neu verstehen können: Das Wort Gottes will gesagt werden!
Wir haben den Auftrag Zeugen zu sein für Gott und von Gottes Heil für diese Welt. Gemeinsam haben wir als Christen diesen Auftrag (und keinem von uns ist dieser Auftrag dadurch abgenommen, dass es in unseren Gemeinden auch „Hauptamtliche“ gibt.)
Doch auch dann, wenn das Wort Gottes gesagt und gehört wird - wenn der Sämann also losgeht und die Samen auf den Boden streut, - bleibt das Risiko der „Missernte“ nicht aus.
Dass Gottes Wort zum ZIEL kommt, liegt - letztlich - nicht in unserer Hand, nicht in unserer Macht, die wir sein Wort zu Gehör bringen. Attraktiver können wir sein Wort gestalten; einladender können wir uns als Gemeinde präsentieren, damit (wieder) mehr Menschen gerne in unsere Gemeinde, in unsere Gottesdienste kommen.
Ja, es ist gut, wenn wir uns bewusst für das Wort Gottes engagieren - und zum Beispiel in diesem Jahr (wieder) bei ProChrist mit machen. Das ist eine gute Möglichkeit des Einladens, des Werbens für unseren Glauben an den lebendigen Gott.
Aber auch dann - wenn Menschen Gottes Wort hören, kann es sein, dass es sie kalt lässt, dass es sie nicht trifft; es kann sogar sein, dass es sie vielleicht sogar anfänglich anspricht und in ihnen Energien freisetzt, aber dann findet es keinen bleibenden Ort in ihren Herzen; vielleicht wird das Wort auch zu schnell erdrückt von übermächtigen Sorgen und Problemen; vielleicht ...
Doch - wenn das alles auch sein kann, ist es dann nicht eher vergeblich, dass wir Gottes Wort überhaupt den Menschen zu Gehör bringen? Was soll unsere Mühe als Zeugen Gottes, wenn so viel schief laufen kann - nicht nur bei den anderen, sondern auch bei uns selbst?
„Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfache Frucht!“
Obwohl die Arbeit und Mühe des Sämanns zu 75% vergeblich erscheint, erfährt er doch eine wunderbare Ernte.
Für den Sämann - wie für den Zeugen des Wortes Gottes - gilt es, sich in Geduld zu üben: die hundertfache Frucht ist nicht über Nacht da - und wir können die Frucht nicht selbst „machen“.
Obwohl auch uns der Umgang mit dem Wort Gottes oft vergeblich erscheint, so dürfen wir gewiss sein: das Wort Gottes kommt zu seinem Ziel:
„Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt,
sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie Samen gibt, zu säen, und Brot, zu essen,
so soll das WORT, das aus meinem Munde geht, auch sein, spricht der HERR:
Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt,
und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jes 55,10-11)
AMEN.