Dienstag, 24. Februar 2009

08.02.2009 Staunen am Zahltag

Predigt von Roland Schindler
Matthäus 20, 1 – 16

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.
2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tageslohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen
4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch in den Weinberg.
8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbei-ter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestallt waren, und jeder empfing seinen Silbergro-schen.
10 Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen.
11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherren und sprachen:
12 Die Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.
13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht, Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.
15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?
16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Staunen am Zahltag – vor zwei Wochen staunte jemand nicht schlecht: Er ging zur Volksbank, um am Automaten Geld abzuheben. Und als er so seine Karte einführt sieht er: Da steckt ja Geld in der Ausgabe! Hey – ist heute Zahltag! Schnell steckte er das Geld ein und ging fröhlich seiner Wege.
Naja – das Dumme war nur, dass vor ihm ein kleiner Angestellter Geld abheben woll-te und so in Gedanken war, dass er die Karte entnommen, das Geld aber stecken ließ. Immerhin: es war ein kleiner Beitrag eines bescheidenen Menschen zur Ankur-belung der Konjunktur! Ich fragte natürlich am Schalter, ob jemand Geld abgegeben hätte. Aber das wurde verneint. Auch auf die Frage, ob aufgefallen sei, dass jemand fröhlich und vergnügt die Bank verlassen hatte, wurde nur durch Kopfschütteln be-antwortet.

Des einen Glück war hier des andern Pech! Wie aber verhält es sich in unserer Ge-schichte? Haben da auch die einen Glück und die anderen Pech? Ist am Zahltag Gottes am Ende der Zeit auch ein Staunen angesagt?
In unserer Geschichte staunen die Ersten und die Letzten: Die Letzten staunen, dass sie so viel bekommen, wie die Ersten. Die Ersten staunen, dass sie nicht mehr be-kommen als die letzten, obwohl das, was sie bekamen, genau der Lohn war, der vor-her abgemacht wurde. Das Staunen der Ersten war geprägt von einer großen Entrüs-tung: wie kann es sein, dass wir, die wir so viel länger uns eingesetzt und gearbeitet haben als die anderen, genau das gleiche bekommen? Ist das gerecht? Muss man in diesem Gleichnis nicht die Krise bekommen angesichts der gleichen Entlohnung de-rer, die den ganzen heißen Tag geschuftet haben im Gegensatz zu denjenigen, die nur eine Stunde – in kühler Abendluft – gearbeitet haben.

Jesus möchte mit dieser Geschichte seinen Leuten eine Frage beantworten, die mehr oder minder ausgesprochen wird: Was habe ich davon, wenn ich mich in Lobe-tal Tag ein und Tag aus abrackere, Gemeindeangebote mitgestalte, meine Zeit und mein Geld einbringe, zu Sitzungen und Mitarbeiterbesprechungen gehe und bei ProChrist auch noch mitmache? Was wird Gott mir geben? Oder sagt er gar: das war viel zu wenig Einsatz von dir!? Wie ist das mit dem Lohn am Ende der Zeit - darf ich hoffen oder muss ich da was befürchten?

1. Wenn es um den Lohn geht, dann ist das markante Kennzeichen Gottes nicht seine Gerechtigkeit, sondern seine Güte
Würde Gott gerecht in unserem Sinne sein, dann bekäme keiner von uns auch nur einen Cent für sein Arbeiten – denn unser Arbeiten würde als „Wiedergutmachung“ für all das dienen, das wir vorher zu Lasten Gottes verprasst haben: Zeit, Geld, Kraft, Talent. Vor allem aber haben wir Chancen verprasst, in denen wir anderen helfen, sie lieben, sie heilen, sie stärken und sie retten hätten können. Wir haben so viele Mitmenschen „liegen“ gelassen. So wenig Barmherzigkeit zeichnete uns aus – viel mehr prägt uns Hartherzigkeit.
Nein, das Leistungsprinzip zählt bei Gott nicht, und auch mit unserem Verständnis von dem, was „recht“ ist und was nicht, kommen wir hier nicht weiter – obwohl der Herr in unserem Gleichnis ja keinem weniger gibt als verabredet.
Am Ende dieses Gleichnisses erfahren wir das bestimmende und alles überbietende Motiv Gottes: seine Güte! Gott bezahlt nicht – Gott ver-güte-t! Er gibt aus seinem Gutsein heraus!
Jesus erzählt dieses Gleichnis und sofort im Anschluss daran folgt seine dritte Lei-densankündigung – der dritte, der eindeutige Verweis darauf, dass wir das Ziel seiner Sendung erkennen sollen: Leiden und Sterben und Auferstehen. Und das alles für uns.

Wir Menschen denken: „Was habe ich davon, wenn ich Gott diene?“ Gott denkt: „Wie kann ich den Menschen dienen, damit sie leben können?“ Welten liegen zwischen beiden Denkansätzen. Der Mensch denkt an sich – und Gott denkt für dich!

In der Bibel wird immer wieder neu über Gottes Güte gestaunt. Er ist nicht nur derje-nige, der unsere Schuld begleicht, die Risikopositionen übernimmt und unser Leben grundlegend saniert – er zahlt obendrein noch einen Lohn! Er gibt schon alles, damit wir in ein Leben kommen, in dem wir geborgen, versöhnt, entlastet und zufrieden sind – er gibt sogar noch eine Zusage, in dem unser Glück unfassbar wird: Gesicher-te Zukunft in einem erfüllten Leben!

So ist Gott. Und dieses Wort lädt uns ein: nun freu dich doch über Gottes Güte! Freu dich mit! Sie gilt dir – aber sie gilt eben auch anderen. Und Gott gewährt sie, wem er will. Er ist frei, Menschen zu beschenken. Er grenzt niemanden aus.

Das ist das Zweite, das es zu bedenken gilt:

2. Gottes Güte stellt alles auf den Kopf
Diese Güte gilt auch den anderen – auch denen, von denen wir behaupten würden: „das sind doch wirklich die allerletzten!“
In diesem Gleichnis erfahren wir – wie überhaupt in der Bibel – dass im Reich Got-tes, also dort, wo Gott wirksam ist und wo er anwesend ist, alles auf dem Kopf ge-stellt wird, was uns hier in unserem Leben leitet und prägt. Wir teilen ein in Erste und Letzte, in Große und Kleine, in Berühmte und Berüchtigte, in Spitzenvereine und Ab-stiegsabonnenten, in Erfolgreiche und Loser, in Brauchbare und Unbrauchbare. Gott nicht. Bei ihm gibt’s das nicht. Gott hält den Menschen für liebenswürdig!
Martin Luther hilft uns im Verstehen. Ich zitiere eine Passage aus seiner Predigt über unser Wort:
„So ist dies die Summa dieses Evangelii: Kein Mensch ist so hoch noch wird so hoch kommen, der nicht zu fürchten habe, er werde der Allerniedrigste. Wiederumb, nie-mand liegt so tief fallen, dem nicht zu hoffen sei, er müge der Höhest werden. Weil hie alle Verdienst aufgehaben und allein Gottes Güte gepreiset wird, und beschlos-sen ist festiglich: Er Erste soll der Letzte und der Letzte soll der Erste sein!
Damit, dass er spricht: der Erste soll der Letzte sein, nimmt er dir alle Vermessenheit und verbeut dir, dass du dich über keine Hure erhebst, und wenn du gleich Abraham, David, Petrus oder Paulus wärest.
Damit aber, dass er spricht: der Letzte soll der Erste sein, wehret er dir alle Verzweif-lung und verbeut dir, dass du dich unter keinen Heiligen werfest, wenn du auch Pila-tus, Herodes, Sodom oder Gomorra wärest.
Denn gleichwie wir keine Ursache haben uns zu vermessen, so haben wir auch keine Ursache zu verzweifeln, sondern die Mittelstraße wird durch dieses Evangelium ge-predigt und bewahret, dass man nicht nach dem Groschen sehe, sondern nach der Güte des Hausvaters.“ (Luther, Kirchenpostille)

Unser Herz schwankt ständig zwischen Hochmut und Depression. Gottes Wort löst uns von unserer Selbstbetrachtung und gibt den Weg frei, damit wir auf Gott sehen – und dann schauen wir der Güte in die Augen! Wertschätzende, liebende, sich ver-schenkende Güte – das ist Gott.

In der uns verbleibenden Zeit können wir diese schenkende Güte Gottes einüben. Wenn in seinem Reich unsere menschlichen „Normen“ auf den Kopf gestellt werden, dann sollten wir nun Jesu Normen handhaben: Wir können die „Kleinen“ achten, die „Schwachen“ wertschätzen und den „Geringen“ Raum geben. Wir können einüben, nicht mehr einzuteilen, nicht mehr abzuwerten, nicht mehr unsere Maßstäbe anzule-gen. Wir können mit Gottes Liebe den Menschen begegnen. Gottes Liebe willin un-seren Alltag kommen und durch uns die Menschen berühren – sonst gibt ein me-ckerndes Staunen am Zahltag! Wir können jetzt einüben, dass wir die Menschen von Gott her und mit seinen Augen sehen.
Dazu bedürfen wir immer wieder, dass Gott unser Herz erneuert, unsere Vergangen-heit klärt und unsere Erfahrung heiligt. Teilt eure Kinder nicht ein in leistungsstark und leistungsschwach, in fleißig oder faul – den Ehepartner nicht in brauchbar oder hilfsbedürftig – das Gemeindemitglied nicht in dienstbereit oder dienstaufwendig, spendenbereit oder bedürftig, in freundlich oder lästig – begegnet jedem in der Liebe Gottes, die nur danach sieht, was der andere braucht zur Stärkung, Förderung und zur Entfaltung dessen, was Gott in ihn hineingelegt hat. Das entspannt unser Leben. Das entspannt Familien. Das entspannt Gemeinden. Die Liebe Gottes stellt alles auf den Kopf.

Und noch ein letzter Gedanke:
3. Gottes Güte beteiligt uns an einer genialen Aufgabe
In unserer Geschichte erhielten die Arbeiter, die zu am frühen Morgen für die Arbeit im Weinberg gewonnen wurden, scheinbar ihren Lohn als Verdienst – nicht als Gna-de. Denn der Silbergroschen wurde ja vereinbart. Dafür haben sie dann gearbeitet, den ganzen Tag und wie wir hören, in Hitze und Mühsal.
Aber nun müssen wir einen Vergleich anstellen zwischen dem „Müßig auf dem Marktplatz herumhängen“ und dem „Arbeiten in einem wunderbaren Weinberg“! Wer bei diesem gütigen Herrn mitarbeiten darf, der hat es gut getroffen. Wo findet man so einen gütigen Arbeitgeber? Wo eine so lohnende Aufgabe?
Es gibt in der Mitarbeit in einer Gemeinde, sogar in so einer charmanten Gemeinde wie Lobetal, immer auch was zu schwitzen und zu plagen, zu kämpfen und durchzu-halten, zu erleiden und auszuhalten. Aber es bleibt felsenfest: Mitarbeit in der Ge-meinde Gottes ist das Wesentliche, im Leben eines Christen und es ist die Schönste Aufgabe in der ganzen Welt.

Hier gewinnt man wieder Würde – von wegen, du bist nicht zu gebrauchen! Gott will mit dir die Welt aus ihren Angeln heben! Er will deine Gaben segnen und durch sie Menschen seine Güte erweisen. Er will in all deiner Schwachheit Großes bewir-ken – das ist ein Geheimnis, dass gerade das Gebet der Schwachen und Alten eine besondere Segenszusage auszeichnet. Mitarbeiten im Weinberg – das kann wirklich jeder, das ist keiner zu alt oder zu unbegabt!
Hier gewinnt man wieder Tatkraft – die bleierne Lähmung eines an Überlastung zermürbten Menschen fällt ab – denn du bekommst alles, was du brauchst und o-bendrein noch viel mehr. Dieser Herr gibt Kraft! Überall wird Kraft von uns gefordert, unser Einsatz ist gefragt. Aber in der Gemeinde Gottes gibt er uns alles, wodurch wir seine Gemeinde fördern und formen sollen. Es gibt heure viele müden Menschen, die eigentlich in der Blütezeit ihres Lebens stehen. Aber sie sind ausgezehrt durch die vielfältigen Aufgaben, die von ihnen gefordert werden. Und ich kenne einige älte-re Menschen, die eine Ausstrahlung und eine Tatkraft besitzen, die einfach nur er-staunlich ist. Das Geheimnis eines gestalterischen und agilen Lebens ist die Quelle, aus der Kraft und Zuversicht gewonnen werden.
Hier gewinnt man wieder Lebensperspektiven – denn es geht nicht darum, wie wir die Zeit vergnügt totschlagen, sondern Menschen helfen, deren Lebensschiff am sin-ken ist. Es gibt zu viele lohnende Aufgaben in unserem Umfeld, zu viele Menschen, nach denen sich Gott in seiner Liebe sehnt, als dass wir unsere Zeit vergeuden und unsere Talente ungeübt lassen.

Staunen am Zahltag – Staunen über Gottes Güte, das ist es, was uns am Tag unse-res Gottes bevorsteht. Wir dürfen uns jetzt einüben in Gottes Güte – dann werden wir uns später mitfreuen über all diejenigen, die erstaunlicher Weise Erste sind, die groß sind und die bei Gott zu Ehren kommen. Und es gibt schon jetzt viel zu staunen, denn schon jetzt erweist sich Gott als „barmherzig und gnädig, geduldig und von gro-ßer Güte“! (Psalm 103,8)

Amen

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