Donnerstag, 16. April 2009

05.04.2009 Viele Erwartungen – ein Herr

Predigt in Lobetal von Roland Schindler

Johannes 12, 12-19

- er kommt als König und Herr

- er kommt und richtet Frieden auf

- er kommt – juble ihm zu!

Erwartungen an Jesus haben viele – Beten kann ja nicht schaden – vielleicht hilft es ja sogar? Man hat doch schon so viel Gutes gehört von diesem Jesus! Vielleicht hilft er auch mir?!

Damals waren viele Menschen in Jerusalem, die Jesus in Betanien erlebt haben. Er hatte den toten Lazarus doch tatsächlich ins Leben zurückgeholt. So mächtig erwies er sich. So spektakulär waren seine Taten! So grenzenlos schien seine Macht.

Diesen Jesus will man als König haben – diesen Jesus und keinen andern! Dieser Jesus wird bejubelt. Um diesen Jesus drängt man sich. Mit so einem Jesus ist man auf der sicheren Seite! So einen Jesus sieht man als einen Abgesandten Gottes. Dieser Jesus wird endlich die Erwartungen erfüllen – die Erwartungen von Menschen, die sich als Spielball von anderen Mächten erleben und die abhängig sind von starken Eingrenzungen, von Leid und von Willkür, von leidvollen und schwierigen Umständen.

Betrachten wir in diesem Zusammenhang ein Bild von James Ensor: „Einzug Christi in Brüssel“ (1888; Getty Museum).

Ein Heer von Narren ist da abgebildet – eine zähe Masse von Masken und Clowns, von Wein, Weib und Gesang ergießt sich über dieses Bild. In der Mitte ist Christus zu erkennen – er ist alleine in dieser großen Flut von Schelmen und Gauklern, von entstellten Menschen und närrischem Treiben. Jesus allein in der Masse.

Was feiert diese Masse? In großen Lettern steht auf dem Banner „Vive la Sociale“ – Freuet euch, ihr Bürger! Und in einer kleiner Balustrade rechts lesen wir „Jesus le Roi de Bruxelles“ – Jesus, der König der Brüsseler. Was will Ensor sagen? Ich höre folgende Botschaft aus diesem Bild: Jesus ist alleine und verkannt in der großen Masse, die sich selbst feiert und die ein närrisches Eigenleben führt.

Der König ist verkannt. So war es auch damals. Der König kommt, und die Menschen feiern ihre Sehnsucht. Sie hoffen, dass ihre Erwartungen erfüllt und ihre Sehnsucht gestillt wird. Sie hoffen, hier kommt ihr Messias!

Aber unser Wort sagt: Hier kommt der verheißene König. Gott hat ihn gesandt und er kommt mit eindeutigem Auftrag. Egal, wie viele Erwartungen an ihn gerichtet sind – welcherlei auch immer – er kommt als Herr und König, nicht um diese Erwartungen zu erfüllen, sondern seinen Auftrag auszuführen.

In drei Gedanken möchte ich diesen Auftrag und unser Wort erklären:

1. Er kommt als König und Herr

Jesus wird in der Bibel immer Gott zugeordnet: Sohn Gottes. Jesus wird immer in diesem Zusammenhang genannt. Das ist wesentlich. Jesus kommt von Gott und hat von ihm her seine Vollmacht und seine Würde. Er kommt von daher in „sein Eigentum“, in eine Welt, die Gott geschaffen und zu Menschen, denen er Leben und Begabungen anvertraut hat. Zu Beginn des Johannesevangeliums wird das so ausgedrückt: „Er kam in sein Eigentum…“ (Johannes 1, 11) – und nun ist die Frage: Nehmen wir Menschen ihn auf?

Er ist nur aufzunehmen als Herr und Eigentümer. Wir können ihm nur unser Leben öffnen, indem wir ihm gestatten: Ab nun bestimme bitte meine Handlungen, meine Pläne, meinen Lebensstil.

Jesus kommt nicht, um unser Leben zu verschönern und es etwas angenehmer zu gestalten, sondern um ins Zentrum unseres Lebens zu kommen und dort zu wirken.

Das hat Konsequenzen. Johannes beschreibt sie in seinem biblischen Bericht folgendermaßen: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ (Johannes 1, 11 und 12).

Ja was denn nun – nehmen sie ihn auf oder nicht? Nein. Es scheint die Ausnahme zu sein, wenn Menschen diesen Gesandten Gottes aufnehmen.

Jesus ist nur als Herr und Gott aufzunehmen – oder er wird abgewiesen. Aber wer ihn aufnimmt, den ermächtigt Jesus. Weil er Vollmacht hat, kann er in dieser Vollmacht etwas vermitteln – er gibt die Macht der Gotteskindschaft!

Das ist Macht, weil jeder, der Gottes Kind ist, nun mit diesem Gott verbunden ist. Man ist nicht mehr allein. Man ist nicht mehr an sich gebunden. Man ist nicht mehr an anderes gebunden – die Bindungen haben sich gelöst – aber eben nur in dem Maße, wie wir Menschen uns nun an Gott binden.

Welche Auswirkungen hat eine Bindung an Gott?

2. Er kommt, und richtet Frieden auf

Unser Wort können wir nur verstehen, wenn wir das Zitat bemerken, mit dem die Szene des Einzugs erklärt wird: „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselfüllen!“. (Sacharja 9,9). Hier wird erinnert an die Zeit Israel zwischen 520 und 480 vor Christus. Es war die Zeit, in der man den Tempel Gottes wieder aufgebaut hat, aber man hat das rechte Leben, an dem Gott seinen Gefallen hat, über all den alltäglichen Dingen beim Bau seines eigenen Lebens völlig vergessen. Man war mit sich selbst beschäftigt – und das war genug. Man hat es ja auch schwer und hart genug. Es gibt viele Herausforderungen.

Diesen beschäftigten Menschen lässt Gott nun sagen: Ich sende euch einen König – einen Gerechten, einen Helfer! Dieser König wird für Euch sorgen, wie ich es tun würde: wie ein guter Hirte!

Lesen wir aber weiter in den Worten dieses Propheten, so kommen wir nach einem Kapitel zu einer seltsamen Wende und einer bezeichnenden Aussage: „Und ich mochte die Schafe nicht mehr und sie wollten mich auch nicht mehr….Und ich sprach: ich will euch nicht hüten; was stirbt, das sterbe; was verschmachtet, das verschmachte; und von dem Übriggebliebenen fresse ein jeder des andern Fleisch….Und ich sprach zu ihnen: Gefällt´ s euch, so gebt her meinen Lohn; wenn nicht, so lasst´ s bleiben. Und sie wogen mir den Lohn dar, dreißig Silberstücke…. Ei! Eine treffliche Summe, deren ich wert geachtet bin von ihnen.“ (Sacharja 11, 8b-9; 12-13).

Der König kommt, um das Recht Gottes aufzustellen und das Recht auf Erden wieder einzurichten. Aber dieser König wird nicht gefallen und verkauft werden – so wird es vorhergesagt. Der König wird für 30 Silberlinge verkauft und verraten.

Dieser König passt nicht ins Konzept der Menschen – auch nicht in das religiöse Konzept. Also weg mit ihm. Aber gerade in dieser Verwerfung geschieht Unbegreifliches: An der Stelle, an der man sieht, wie es um den Menschen bestellt ist, erkennt auch die Barmherzigkeit Gottes. Der Mensch verkauft und kreuzigt Gott – und Gott liebt und schafft einen rettenden Ausweg aus einer verkommenen Welt.

Das Grundproblem des Menschen ist nicht, dass er so arm ist, dass er sterben muss, dass er Schicksalsschläge erleidet, dass er manipuliert oder benachteiligt wird. Das Grundproblem liegt darin, dass er sich von seinem Schöpfer losgerissen hat!

Und dieses Grundproblem löst dieser König. Denn er richtet mit starker Hand. Er vollzieht das Urteil, indem er die Konsequenz der Rebellion festlegt: das mündet in den Untergang! Was sich losreist, das wird nicht gehütet – das hat Konsequenzen: „Was stirbt soll sterben, was verkümmert so verkümmern und was übrig bleibt, das wird in einem großen Hauen und Stechen fressen oder gefressen werden.“ Das ist so. Das ist Leben, wenn man die Masken weg nimmt und wenn man die Dinge betrachtet wie sie sind.

Doch der Hirte vollzieht dieses Gericht so, dass er die Konsequenzen deutlich zeigt und diese Konsequenzen selbst trägt. Er überschüttet nicht die Menschen mit diesen Konsequenzen, sondern er füllt sie alle gleichsam in einen Kelch, den er leert bis auf den letzten Tropfen.

So ist dieser hohe Richter, dieser gute Hirte, dieser König und Herr zu dem geworden, der in dieser Welt Frieden stiftet zwischen Gott und uns Menschen. Er wurde zu dem, der alleine fähig ist, Versöhnung zu schenken. Er alleine kann dazu ermächtigen, dass wir Gottes Kinder werden und Frieden mit Gott haben – einen Frieden, der unser Dasein völlig verändert und prägt! Nun stehen wir wieder auf der Seite Gottes, nun leben wir wieder in seiner Gemeinschaft, nun wissen wir wieder, was wir hier überhaupt sollen – unser Leben dadurch zu entfalten, indem wir ihn lieben und ehren und den Mitmenschen dienen!

Das führt zum letzten Punkt – einem ganz kurzen, den es zu bedenken gilt:

3. Er kommt – juble ihm zu!

Jetzt gilt es: Wie stehst Du ihm gegenüber? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: ein kurzer Jubel und ein langes Geschrei „weg mit ihm!“ oder in lebenslanges, jubelndes Einladen: „Mein König! Komm! Bleibe bei mir und entfalte deine wohltuende Herrschaft in meinem Leben!“

Letztlich werden nur die wirklich jubeln können, die an diesem verkauften und verspotteten guten Hirtenkönig die eigene Maske abnehmen und ihre ganz persönliche Rebellion gegen Gott beenden.

Jubeln ist eine öffentliche Äußerung. Heute zeigen wir diesen Jubel in einem frohen und mutigen Dienst für Menschen und Gottesdienst für unseren Herrn. Nun treten wir auf in der Liebe Gottes, wenden uns Menschen zu, verkünden Frieden, wirken Zeichen der Hoffnung und weisen auf den einen Herrn der Welt hin: Jesus!

Amen