Donnerstag, 30. Juli 2009

5.07.2009 Schüler Jesu haben keine Ferien

Predigt zu Lukas 6, 36 – 42 von Roland Schindler

Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.

Und richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in eueren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einen Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?

Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Ferien! Dass Ferien sind, sieht man heute. Viele sind nicht da, sondern unterwegs, auf einer Freizeit oder auf dem Weg in den Urlaub. Ferien – da freuen sich die Schüler. 6 Wochen ohne Hausaufgaben, ohne Vokabeln und Test, ohne Mathe und Englisch. Da kann man entspannen und sich erholen. Da kann man endlich tun, was einem Spaß macht. Keine Pflichten. Herrlich, so ein Schülerleben – oder?

Unser heutiges Predigtwort erinnert uns als Gemeinde Jesu daran, dass wir auch Schüler sind. Das griechische Wort „mathätäs“ bedeutet „Schüler, Lernender“. Wir stehen in der Gefahr, die anderen lehren zu wollen und zu meinen, aus dem Schüler-Sein ein für allemal heraus zu sein. Aber dem ist nicht so. Soll die Gemeinde wachsen, sollen unsere Gespräche mit den Menschen, die Gott noch nicht als liebenden Vater kennengelernt haben fruchten, soll letztlich unser persönliches Leben gelingen, dann sollen wir uns durch dieses Wort zurückführen lassen an den Ort, an dem es um „Sein oder Nichtsein“ geht: An das Vaterherz Gottes. Und das Vaterherz Gottes Hängt am Kreuz. In Jesus ist uns von Gott her Barmherzigkeit widerfahren.

Christen drücken keine Schulbank. Christen leben ständig aus der Vergebung Gottes. Das alleine prägt unser Leben und das alleine erschließt uns den Sinn dieser mahnenden Worte. Und: Schüler Jesu haben keine Ferien. Denn sie sollen nicht nachlassen in dem Bemühen, die Barmherzigkeit Gottes in dieser Welt abzubilden. Denn:

1. Gottes Barmherzigkeit will prägen

Unser Wort klingt ernst, denn es zeigt, dass von unserem Handeln abhängt, was wir selbst erfahren. Es heißt: „Und richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben.“ Wir ernten also, was wir sähen. Wir empfangen, was wir geben. Gott begegnet uns so, wie wir den Menschen begegnen.

Das müssen wir erst einmal richtig einordnen.

Wir haben Gott kennen gelernt als großherzigen und gütigen Herrn, der uns unser Leben anvertraut hat, der uns seine guten Lebensordnungen geschenkt hat und der uns eingeladen hat, von dem her zu leben, was er schenkt. Er hat uns Talente gegeben, die wir zu seiner Ehre einsetzen können, so dass es Menschen gut geht.

Doch wir haben unser eigenes Leben geführt. Wir waren darauf bedacht, dass es uns gut geht. Wir waren damit beschäftigt, das Beste für uns aus den Gegebenheiten zu holen. Wir waren unser Maßstab – wir haben die Regeln bestimmt, nach denen wir leben.

Wir sind vielen Menschen nicht gerecht geworden. Wir haben vielen nicht gegeben, als sie unsere Hilfe brauchten. Wir sind ihnen nicht „Nächster“ geworden. Wir haben manche Menschen verletzt, anstatt sie zu stärken. Wir haben Gott keine Ehre gemacht. Wir haben an dem vorbei gelebt, was wir sein sollten: seine geliebten Kinder, die ihren Vater groß machen vor den Menschen, mit denen sie leben. In dieses Leben, eine Leben, in der Gott keine Rolle spielt, waren wir verflochten und verstrickt.

Nun hat Gott in seiner Güte uns zur Besinnung gebracht. Er hat uns deutlich gemacht, wohin dieser Lebensstil führt. Wer sich an sich selbst bindet, geht mich sich selbst zugrunde. Wer sich zum Maßstab hat, der hat den Tod zum Partner.

Gott hat uns klar gemacht, wie wir zu ihm zurück können. Er hat uns aufgezeigt, was dieses Leben bislang gebracht hat: übersehene Menschen, vergessene Menschen, verlorene Menschen, verletzte Menschen, erniedrigte Menschen, verängstigte Menschen, verärgerte Menschen. Er zeigt auch, wie das, was wir schuldig geblieben sind, wie der ganze Mangel und das gesamte Elend behoben werden kann: Indem ich mich schuldig spreche und die Schuld auf den Sohn Gottes lege. Jesus hat blutet. Jesus hat bezahlt. Jesus hat Sühne geleistet. Jesus starb. Nun sitzen wir ohne unser Zutun am Tisch unseres Herrn. Nun haben wir eine Perspektive für unser Leben – nicht selbst geschaffen sondern von ihm erhalten.

Das alles wirkt Gott, damit ich lebe. Das schenkt und gewährt er in seiner großen Barmherzigkeit. Er will nicht zerstören – er will erneuern, Leben zurechtbringen und heilen.

So hat mir Gott ein zweites Leben geschenkt, eine neue Chance gewährt. Und nun habe ich einen Ort, an dem mein Leben erneuert werden kann und von dem aus ich mich als Kind Gottes, als Mensch, der mit Gott lebt, bewähren kann. Dieser Ort ist das Herz Gottes. Seine innige Nähe. Sein herzliches Erbarmen.

Von hier her komme ich – aufgerichtet und angenommen, mir wurde vergeben und ich wurde mit Gottes Liebe begabt und ausgestattet. So gelingt mein Leben.

Nur wer täglich von diesem schenkenden und erneuernden Gott herkommt, der kann so leben, wie es ihm gefällt und wie es den Menschen gut tut. Dieses Leben aus der Barmherzigkeit Gottes sollen wir einüben. Diese Schule sollen wir nie schwänzen. Denn nur so können Menschen die Barmherzigkeit Gottes kennenlernen – durch uns!

Wir sollen also unsere Barmherzigkeit den Menschen erfahren lassen – wir sollen die Barmherzigkeit Gottes erfahrbar werden lassen.

Wer nun Gottes Barmherzigkeit erfahren hat, der kann mit Menschen nicht mehr nach seinem Belieben umspringen. Vergebung und Güte ist uns zuteil geworden – was geben wir nun weiter?

An dieser Stelle erinnern wir uns an das Gleichnis über jenen unmöglichen Menschen, der hoch verschuldet nicht nur sein Potential vergeudet hatte, sondern auch das seines Chefs. Der wurde zur Rechenschaft gezogen und musste mit schlimmster Bestrafung rechnen. Er bat um Zeit zum Zurückzahlen und appellierte an die Barmherzigkeit seines Arbeitgebers. Da erbarmte er sich und erließ ihm alle Schuld. Na, da freute sich der Mensch, ging weg und packte den ersten Menschen, der ihm was schuldete am Schlawittchen und forderte: Bezahle mir sofort, was du mit schuldest, oder ich bring dich ins Gefängnis.

Unmöglich!

Deshalb gilt nun für uns Christen: gebt, so wird euch gegeben, vergebt, so wird euch gegeben, richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist!

Das war doch das Elend zur Zeit des Alten Bundes Gottes mit Israel: Gott gewährt Sühne, aber die Menschen behalten ihr hartes Herz. Dieses harte Herz ist das, woran diese Welt zugrunde geht. An diesem harten Herzen zerbrechen Menschen, scheitert Leben.

Deshalb: seid barmherzig! In unserem Leben gibt es viele Prägungen. Da leben wesentliche Züge unserer Eltern weiter. Da wirkt Erworbenes fort, das wir durch uns wichtige Menschen erfahren haben. Da prägt sich unser Wesen aus. Und da ist auch Gottes Barmherzigkeit dabei als wesentliche Grunderfahrung. Wir sollen nun nicht mehr dem Zufall überlassen, was sich auswirkt. Wir sollen unser Leben wach gestalten vom Herzen Gottes her. Das führt zum zweiten Gedanken:

2. Deshalb richten wir nicht mehr, sondern wir stärken, ermutigen und ermuntern

Richten ist Gottes Aufgabe, nicht die unsere. Wir können dem anderen für sein Verhalten kein Strafmaß aufladen – wir sind, wie er, angewiesen auf das herzliche Erbarmen Gottes. Okey, wenn jemand vollkommen ist, wenn jemand von euch sagen kann „Hey, Jesus könnte es nicht besser machen als ich! Ich bin einfach perfekt“ – und wenn dies andere bestätigen würden – dann kann er auch richten. Aber vorher nicht.

Er tut gut daran, dass er den „Balken“ im eigenen Auge wahrnimmt und weiß, wer er ist. Wir stehen in der Gefahr, andere „erziehen“ zu wollen und dabei die eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler zu übergehen. Doch wer so vorgehen würde, steht in der Gefahr „blind“ zu werden für das, was dran ist, „blind“ zu werden für die Gegebenheiten.

Wir sollen dem andern nicht den Kopf waschen und ihn zurechtweisen, wir sollen ihn nicht verklagen und belangen. Wir sollen uns aber an seine Seite stellen und ihm dienen. Und wir sollen ihn immer wieder mitnehmen zu dem Ort, ohne den wir selbst nicht mehr leben könnten: Zum Kreuz, zu dem Ort, an dem Gott mich annimmt, mir meine Schuld abnimmt, mir seine Güte zuspricht.

An dieser Stelle möchte ich über Seelsorge reden – Seelsorge, die wir uns gefallen lassen, damit wir sie anderen auch gewähren können. Seelsorge ist die Befähigung, den anderen zu leiten und zu dienen im Wissen um die eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler. Seelsorge ist geprägt von der Liebe Gottes. Seelsorge ist gekennzeichnet davon, dem anderen zu helfen, zu unterstützen, zu ermutigen und zu ermahnen. Übrigens: diese Eigenschaften sind Kennzeichen des Heiligen Geistes. Seinen Namen könnte man übersetzen mit „Ermutiger, Ermahner, Ermunterer und Den-anderen- Stärkenden“.

Der heutige 4. Sonntag nach Trinitatis will die Gemeinde daran erinnern, dass sie eine Gemeinde der Sünder ist. Wir sind noch nicht vollkommen. Wir sind noch am Lernen. Wie sollen wir als Gemeinde der Sünder miteinander umgehen? Wir sollen einander tragen, uns dienen und fördern! Deshalb: werdet seelsorgerliche Menschen. Das bedeutet

  1. Bittet Gott um die Gabe, dem andern seelsorgerlich zu begegnen. Bittet ihn darum, dass er euch gibt, was ihr für den anderen benötigt und seid dabei gewiss, dass Gott sehr freigiebig ist. Sein Maß ist erstaunlich: es ist „gedrückt, geschüttelt und überfließend“, was er gibt. Gott knausert nicht. Gott schenkt, damit wir freizügig weitergeben können. Bilden wir Gott in dieser Welt als „großen Kanuser“ ab oder als „freizügigen Geber“, der gerne gibt, was andere stärkt und fördert?
  2. Wer andere leitet, der bedarf selbst der Leitung. Weil wir uns des anderen „Splitter im Auge“ annehmen im Wissen um den „Balken in unserem Auge“, deshalb ist es wichtig, dass wir selbst in der Seelsorge eines Menschen bleiben, zu dem wir Vertrauen haben und vor dem wir ehrlich sein können. Diesem Menschen können wir auch erlauben, uns zu sagen, wie er uns sieht. Das tut gut. Das haben wir nötig. Sonst stehen wir in der Gefahr, an Seestärke zu verlieren und zu erblinden. Gott gibt uns alles was wir benötigen – auch einen Menschen, der uns seelsorgerlich begleiten kann, der uns seine Vergebung zuspricht und der uns seinen Segen vermittelt.
  3. Beginne Seelsorge zu gewähren. Wer mit offenem Herzen unterwegs ist, wer die Barmherzigkeit Gottes erfahren und von ihr wach gemacht wurde, der wird Menschen wahrnehmen, die in ihrem Leben Unterstützung benötigen und die für Hilfe und Begleitung offen sind.

Die Gemeinde der Sünder ist eine seelsorgerliche Gemeinde! Die Gemeinde der Gerechten ist eine kalte und richtende Gemeinde.

Wir sollen also Schüler Jesu sein. Schüler Jesu haben keine Ferien. Dafür haben wir aber auch keine Zeugnisse bekommen. Denn das wissen wir doch: Zuerst gibt es Zeugnisse, dann kommen die Ferien. Keine Ahnung, wer auf diese Reihenfolge gekommen ist. Während meiner Schulzeit wäre es besser gewesen, ich hätte erst die Ferien unbeschwert verbringen können, und dann hätte meine Mutter erst mein Zeugnis zu Gesicht bekommen.

Eigentlich ist das nicht schlecht: wer keine Ferien hat, bekommt auch keine Zeugnisse. Stellt euch vor, am Sonntag vor den Ferien würde in der Gemeinde die Zeugnisse verteilt werden, die Gott einem jeden von uns ausstellt! Da würde es heißen: „Schindler – au weia!“

Gott ist barmherzig!

Amen

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