Montag, 16. November 2009

18.10.2009 Wieder auf die Beine kommen

Markus 2, 1 – 12
Predigt in Lobetal am 18. Okt. 2009

1 Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde be-kannt, dass er im Hause war. 2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. 3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getra-gen. 4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnte wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett hinunter, auf dem der Gelähmte war. 5 Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihrem Herzen: 7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in eueren Herzen? 9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sündern vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? 10 Damit ihr aber wisst, dass der Men-schensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!
12 Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sie sich entsetzten und Gott priesen und sprachen: wir haben so etwas noch nie gesehen.


Sie: „Hans-Dieter, wir müssen miteinander reden!“ Er: „Aber Liebling, es gibt 12 Frisöre, 5 Logopäden, 8 Psychologen, 3 Selbsthilfegruppen, 10 Ca-fés, 7 Frauenkreise und ein Notfalltelefon – da wirst du schon jemanden finden, der mit dir redet!“
So ähnlich lautet eine Werbung für die Gelben Seiten. Auf den ersten Blick ganz nett – aber bei genauerem Hinschauen wird ein tragisches Ausmaß sichtbar: Da will jemand mit seinem Partner reden, und er verweist ihn auf eine Einrichtung oder ein Angebot, lässt ihn vor seinem Herzen ste-hen, und wendet sich wohl wieder seiner Lieblingsbeschäftigung zu.

So kommt man nicht auf die Beine. Weder „Hans-Dieter“ tut es gut, ein Gespräch zu blockieren, noch ist es für eine Ehe gut, wenn man nicht mit-einander redet. Es gibt viele Beziehungen, die in einer Sackgasse stecken und in denen man nicht weiter wächst.

Unser Wort spricht von einem Gelähmten, den Leute zu Jesus bringen. Sie wissen um ihn, sie haben sich vor seiner Not nicht verschlossen. Sie kön-nen ihm eigentlich nicht helfen. Sie haben nichts, was ihn beweglich macht. Die einzige Hoffnung sehen sie in diesem Jesus. Und so bringen sie ihn dorthin, wo dieser Jesus sich gerade aufhält.

1. Die Lähmung des Lebens
Das sind die tragischen Lähmungen in unserem Leben: man kommt nicht mehr dahin, diesem Jesus zu begegnen. Man weiß von ihm. Man hat viel über ihn gehört. Man hat sogar schon Erfahrungen mit ihm gemacht. Aber irgendwie blockiert eine große Trägheit einen möglichen Aufbruch. Die Ta-ge rauschen dahin – aber wir können uns irgendwie nicht aufmachen zu Jesus!

In unserem Wort „lahm“ liegt die Wurzel „brechen“ – lahm bedeutet so-viel wie „gliederschwach, gebrechlich, gebrochen“.
Lähmend wirkt es sich im Leben aus, wenn man mit jemand „gebrochen“ hat.
Viele Menschen haben mit Gott gebrochen.
Viele haben Gott aus ihrem Leben herausgebrochen! Was sich in unserem Alltag nicht ereignet, das spielt keine Rolle! Deshalb gibt es keine vertrauten Begegnungen und Rituale. Somit gibt es keine Erwar-tungen mehr an ihn.
Viele Menschen haben mit anderen Menschen gebrochen; mit Nachbarn, mit ehemaligen Freunden – ja sogar mit Familienangehörigen oder gar mit dem Partner. An dieser Lähmung leidet diese Welt und an dieser Lähmung wird sie schließlich zugrunde gehen. Vielleicht lebt man noch mit Men-schen zusammen, mit denen man „gebrochen“ hat. Aber das Miteinander ist dann von einem lähmenden Schleier umgeben. Hier lebt nichts mehr. Hier ist die Lebensfreude abhanden gekommen. Hier ist Gemeinschaft nicht mehr möglich.
Diese Entwicklung ist fatal. Wir Menschen sind auf Beziehungen hin ange-legt, denn wir sind ergänzungswürdig! Wer den andern perfekt haben möchte, der übersieht, dass er selbst nicht perfekt ist. Wir haben uns, um uns zu ergänzen. Wer den Partner ohne eigene Unterstützung und dienen-des Begleiten lässt, der wird an der unvollkommenen Hälfte des andern zerbrechen!
Reden – ist gut; aber noch wichtiger ist, dass wir uns selbst entwickeln und lernen, den andern stark zu machen an seinen Schwachpunkten – o-der ihn einfach nur zu ertragen und zu lieben!

2. Freunde als Hoffungsträger
Menschen, die um mich wissen, sind ein Geschenk Gottes. Aber solche Menschen gibt es nicht einfach. Freunde muss man sich „machen“, indem man mit Menschen redet, ihnen Anteil gebt an dem, was einen beschäftigt und bewegt, freut und ängstigt. Und wenn wir entdecken, dass unsere Worte das Herz des andern erreichen und ihn bewegen, dann wird er an mich denken und mich begleiten! Dann haben wir einen Freund gewon-nen.
Freunde sind so wichtig für unser Leben. Freunde sind Hoffnungsträger – wie in unserer Geschichte. Sie bringen den Gelähmten zu Jesus. Sie helfen ihn, die Barriere zu überwinden, die ihn davon abhält, das selbst in die Hand zu nehmen. Wo Freunde sind, da ist Hoffnung. Es ist nicht schlimm, wenn man nicht mehr weiter weiß. Es ist aber schlimm, wenn man dann auch noch alleine ist.
Wohl dem Menschen, der einen Freund hat, der für ihn betet, der an ihn denkt, der genau hinschaut und gut zuhört.
Liebe Geschwister, das ist für uns eine lohnende Aufgabe, unsere Freund-schaften zu pflegen und Freunde zu gewinnen.

Wir leben nicht alleine von unseren Möglichkeiten – wir leben auch nicht von unserem Glauben – wir leben davon, dass Jesus mitgeht und dass er uns Freunde schenkt, die uns begleiten.

3. Vergebung: wieder auf die Beine gestellt werden
Die Freunde liefern also den Gelähmten direkt vor Jesus ab. Nun sind alle gespannt. Was wird Jesus tun? Wird Jesus ihn sofort wieder auf die Beine stellen und Gesundheit schenken.
Alle sind erstaunt – die Pharisäer empört: Jesus vergibt dem gelähmten Menschen seine Schuld. Dazu ist er ermächtigt. Das ist die zentrale Le-benshilfe Gottes: er kann bewirken, dass lähmende Schuld aus unserem Leben weicht und vergebende Liebe uns wieder auf die Beine stellt. Durch Vergebung wird unser Leben, und alles, was unser Leben ausmacht, wie-der in Beziehung mit dem lebendigen Gott gebracht. Meine Beziehungen – sie sind nicht Schicksal, sondern Chancen, weil Gott derjenige ist, der die-se Beziehungen nun durch seine Gegenwart neu ausrichtet.

Wenn Gott in unserem Leben ist, dann bekommt alles wieder seine richti-ge Ausrichtung und seinen angemessenen Platz. So wird der Ehepartner endlich von dem Druck befreit, den anderen glücklich machen zu müssen. Die Bibel zeigt uns, dass der Ehegatte ein Gehilfe für das Leben ist. Es tut gut, sich gegenseitig zu stützen, zu fördern und zu lieben. Aber Gott er-füllt mein Leben und in ihm habe ich mein Glück! Diese Erfahrung darf ich täglich machen. Er möchte mich mit Kraft und guten Ideen für den Tag erfüllen – vor allem mit Liebe, damit ich dem andern recht begegnen kann.
Der Beruf wird wieder zu dem, was er sein soll: Hilfe zum Lebensunterhalt und wenn es sein darf, zur Chance, die Gesellschaft mitzugestalten; auch er wird befreit von dem Druck, mich glücklich machen zu müssen. Ge-meinde wird zu dem Ort, an dem Gott mir durch andere dient und ich an-deren in seinem Namen dienen darf.
Vergebung macht den Weg frei zu einem befreiten Leben mit dem leben-digen Gott, mit dem Gott, der mich liebt und der mir hilft.

Über diesen Gott kann man nur staunen und jubeln. Sündenvergebung ist wie eine Neugeburt: ich bin wieder in der Gemeinschaft mit Gott und er übernimmt Verantwortung über mich. Dass die Menschen das glauben können, dass Jesus die Autorität zur Sündenvergebung besitzt, unter-streicht die körperliche Heilung des Gelähmten. Jetzt ist erkennbar: Jesus stellt wieder auf die Beine! Dabei ist die „innere Heilung“ durch die Verge-bung der Schuld das eigentliche Wunder. Der Mensch ist wieder fähig, sei-ne Beziehungen zu gestalten.
Das kann praktisch dann so aussehen: Sie: Hans Dieter – wir müssen mit einander reden.
Er: Sofort, oder kann ich noch eine Kerze anzünden und zwei Gläser ho-len?
Amen.

01.11.2009 Wie weit reicht deine Liebe?

Matthäus 5, 38 – 48
Lobetal, 1. November 2009


38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich je-mand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. 40 Und wenn je-mand mit Dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch deinen Mantel. 41 Und wenn dich jemand nötigt eine Meile mitzugehen, so gehe mit ihm zwei. 42 Gib dem, der dich bittet und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.
43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben“ (3. Mose 19, 18) und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur zu eueren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Vollkommen sollen wir sein – ganz bei Gott, echte Christen, identisch sol-len wir leben und eindeutig sollen wir auftreten!
Aber – reicht unsere Liebe so weit? Heute fragen wir danach, wie eng wir die Grenzen der Liebe und Barmherzigkeit um uns gesteckt haben. Gottes Liebe und Barmherzigkeit ist grenzenlos. Und spätestens an dieser Stelle müssen wir bereits einwenden: Wir sind nicht vollkommen. Das ist doch keiner. Wir leben nicht in einer vollkommenen Welt. Wir leben in einer Welt der Rache.

„Mein ist die Rache“ – Elizabeth George erzählt in ihrem Kriminalroman die Geschichte eines Mannes, der sich an seiner Familie für Erlittenes rächt. Mit tiefem Hass zahlt er heim, weil er sich zurückgesetzt und un-recht behandelt fühlt. Doch nicht nur in der Literatur wird „Rache“ geübt.

Die Ägypterin Marwa El-Sherbini wird am 1. Juli von dem 26 russlanddeut-sche Alex W. getötet. Sie befanden sich bei einem Revisionsprozess um eine Geldstrafe wegen Beleidigung. Der junge Mann hatte die Ägypterin als „Terroristin“ beschimpft. Sie hatte sich gerichtlich gewehrt und bekam Recht. Der 26-Jährige stach mit einem Messer in einem Dresdner Ge-richtssaal 16 x zu – „Mein ist die Rache!“
2002: Zwei Jets prallten in 11 000 Meter Höhe ineinander und stürzten bei Überlingen am Bodensee ab. Unter den 71 Todesopfern befand sich auch die Familie des Russen Witali Kalojew: seine Ehefrau Swedana (42), sein Sohn Konstantin (10) und seine Tochter Diana (4). Witali Kalojews Leben zerbrach. Zwei Jahre wartete er auf eine Entschuldigung. Dann fuhr er in die Schweiz, ging zum Haus von Peter Nielsen, der in der Unglücksnacht Dienst bei der Flaugaufsicht „Skyguide“ hatte, klopfte an der Tür und er-stach ihn. Den eintreffenden Polizisten sagte er: „Blut muss mit Blut ge-rächt werden.“ Er wurde zu 5 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Als er im letzten Jahr wegen guter Führung frei gelassen wurde, empfing man ihn in der Heimat als Helden. „Mein ist die Rache!“
Im Internet findet man ein „Racheportal“. Dort heißt es: „Wenn Du Dich an Deinen Nachbarn, Kollegen oder Ex Freunden rächen möchtest, bist Du bei uns genau an der richtigen Adresse! Du kannst Dich aber auch direkt zu etwas bekennen, was Du jemandem schon immer mal sagen wolltest…“ „Mein ist die Rache!“
Liebe Geschwister, Rache dient nicht dem Recht – Rache dient der Sünde und der Schuld. Rache wirkt mit beim lavinenhaften Anschwellen von Hass und Gewalt. Man schlägt härter zurück! So sind wir. Wenn es uns trifft, dann fordern wir Vergeltung. Wir wollen das Recht herbeiführen – notfalls selbst. Wir lassen uns doch nichts gefallen!
Dazu schreibt Dietrich Bonhoeffer in seinem Buch „Nachfolge“: „Die Über-windung des anderen erfolgt nun dadurch, dass sein Böses sich totlaufen muss, dass es nicht findet, was es sucht, nämlich Widerstand und damit neues Böses, an dem es sich um so mehr entzünden könnte. Das Böse wird darin ohnmächtig, dass es keinen Gegenstand, keinen Widerstand findet, sondern willig ertragen und gelitten wird. Hier stößt das Böse auf einen Gegner, dem es nicht mehr gewachsen ist. Freilich nur dort, wo der letzte Rest von Widerstand aufgehoben ist, wo der Verzicht, Böses mit Bö-sem zu vergelten, restlos ist. Das Böse kann hier sein Ziel nicht erreichen, Böses zu schaffen, es bleibt allein…“ (S. 116)
Hier wird Rache entlarvt. Rache ist Handlanger des Bösen.

Doch wie kommen wir dahin, den Verzicht auf Vergeltung nun in unseren Alltag zu verankern? Wie bekommen wir ins Leben, was Jesus uns in sei-nem Wort hier zumutet? In fünf Schritten möchte ich dazu einen Weg auf-zeigen.

1. Jesus fordert uns in seinem Wort auf, als Kinder seines Vaters im Him-mel zu leben. Es geht nicht zuerst darum, irgendetwas tun zu müssen, sondern darum, dass wir etwas sind. Wir sind Kinder Gottes!
Wir dürfen nun wissen, dass unser himmlischer Vater uns mit seiner Er-wählung neue Würde verliehen und Ehre gegeben hat. Unsere Würde und Ehre ist in ihm garantiert. Wir verlieren sie nicht! Niemand kann sie uns rauben. Gott selbst steht dafür ein.
Was Gott uns geschenkt hat, dafür müssen wir nicht kämpfen. Wir müs-sen nicht um unsere Ehre streiten. Wir müssen nicht um unser Recht rin-gen – Gott hat es aufgerichtet. Jesus hat es für uns geschaffen. Er hat es getan, indem er sich nicht rächte, sondern Unrecht erlitt und willig an-nahm, was ihm andere zufügten. „Wie ein Schaf, das auf die Schlachtbank geführt“ (Jesaja 53) wurde, hat er sich gegen Gewalt, Unrecht, Spott und Leid nicht gewehrt. Er hat es getragen – und darin auch meine Gewalt, mein Unrecht und meine Lästerungen, in denen ich Menschen und Gott verletzt habe. Nun bin ich bei Gott und habe Frieden mit ihm und mit mei-nen Mitmenschen. Dieser Friede darf mich mehr und mehr prägen.

2. Jesus fordert in seinem Wort nicht zu einer großen Harmonisierung auf. Er sagt nicht: nun strengt euch ein bisschen an und seid nett zu einander. Nein. Er nennt Recht „Recht“ und Unrecht „Unrecht“. Er unterscheidet zwi-schen „Guten“ und „Bösen“ und benennt es. Gott benennt die Taten der Menschen. In seinem Licht erkennt man, wer man ist. Aber: er wendet sich nicht von dem ab, der Unrecht getan hat! Gott nennt eine böse Tat eines Menschen „böse“, aber er bleibt an seiner Seite. Er fordert ihn auf, sich zu ihm umzuwenden. Gott will retten und heilen. Und deshalb: wende dich auch nicht ab. Balle nicht die Faust in der Tasche sondern falte die Hände zum Gebet! Werde nicht laut – bleibe sachlich. Nenne die Untat beim Namen und stelle dich neben den andern. Biete deine Hilfe an und kündige nicht deine Unterstützung auf!

3. In Gottes Hand liegt das Gericht – nicht in meiner! Schuld wird gesühnt und gebeugtes Recht wird aufgerichtet. Am Ende der Tage richtet Gott sein Recht auf. Er zieht Menschen zur Verantwortung. Wir werden mit dem konfrontiert, was wir hier getan haben. Die Bibel macht deutlich, dass man sich nur „scheinbar“ aus der Verantwortung stehlen kann. Die „Gö-rings“ dieser Welt werden auferweckt zur öffentlichen Bilanz. Man kann sich nicht aus der Verantwortung schleichen. Gottes Ruf bringt den Men-schen mit seinen Taten ans Licht.
Ich darf es Gott überlassen, sein Recht aufzurichten. So wie Jesus. Ich darf mich einüben, Gott das Gericht zu überlassen.

4. Durchbruch durch die Spirale der Gewalt beginnt im Gebet. Beten sie für die, die ihnen wehgetan haben. Beenden sie die Phantasien, in denen sie endlich über den anderen triumphieren. Räumen sie ihr Herz auf. Brin-gen sie Gott alle Verletzungen und Demütigungen, die sie erlebt haben. Er möchte ihnen dafür seinen Frieden schenken. Er möchte, dass die Last des „Nachtragens“ von ihnen fällt und sie wieder entlastet leben können. Sie sind für ihr Herz verantwortlich.
Der Wochenspruch dieser Woche lautet: „Lass dich nicht vom Bösen ü-berwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Römer 12, 21 Fan-gen sie damit an, der Reaktion des Bösen in ihrem Herzen durch kleine Akte der Versöhnung und des Guten zu überwinden.
- im Straßenverkehr, wenn der andere mir die Vorfahrt nimmt oder wenn er bummelt, und ich habs eilig…
- daheim, wenn der andere seinen Finger genau auf meinen „wunden Punkt“ legt und mich mit dem konfrontiert, was ich schon lange weiß, was ich aber einfach nicht aus meinen Leben bekomme: nicht explodieren sondern bitten: Hilf mir, diesen Bereich anzupacken; alleine scheitere ich ständig…
- in der Arbeit für den beten, der mir unsympathisch ist. Den segnen, mit dem ich schlecht auskomme.
Doch die „Feinde“ umgeben uns nicht nur von außen – es sind feindliche Stimmen auch in uns. Wie viel Unrecht tun wir uns manchmal selber an, weil wir meinen: so wie ich bin, bin ich ein Nichts, ein Versager. Ich bin unattraktiv und ein Nichts. Wir rauben uns selbst die Ehre!
Im Gebet dürfen wir uns dieser Sätze, die uns selbst zerstören, entledigen – wir dürfen sie Gott benennen und um Befreiung von ihnen bitten.


5. Wer dem Bösen widersteht, der wird stark. Stärke ist keine Frage der Kraft, die ich habe und mit der ich mich anderen zur Wehr setzen kann. Stärke ist eine Frage der Liebe, in der ich den andern ertragen und aus-halten kann.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf Dietrich Bonhoeffer zu spre-chen kommen. Wärter im Tegeler Gefängnis hat diese Stärke der Güte Bonhoeffers höchst erstaunt. Andere Gefangene waren lethargisch oder zornig, haben gedroht oder geflucht, waren gelähmt vor Angst oder rebel-lisch, doch Bonhoeffer trat immer auf mit einem guten Wort für die Leute, mit einer freundlichen Ausstrahlung und mit einer aufrechten Haltung. Das Böse hat ihn nicht überwunden und auch nicht zerbrochen. In der Liebe zu Gott konnte er auch innere Zerrissenheit ertragen und immer wieder Trost und Hoffnung finden.
Wir dem Reflex der Vergeltung widersteht, der ist stark. Nun ist es beilei-be nicht so auf dieser Welt, dass Menschen, die auf Gewalt nicht mit Ge-gengewalt reagieren, nun geachtet und verschont werden. Nein, man muss vieles einstecken und erleiden – es kann sogar das Leben kosten. Aber wir wissen dabei, dass auch unser Leben in der Hand unseres himm-lischen Vaters geborgen ist. Ich sage das mit großer Achtung vor denen, die Unrecht leiden und mit zitternder Stimme. Aber ich bis gewiss, dass das Wort unseres Herrn sich erfüllen wird: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer es aber um meinetwillen verliert, der wird es erhalten.“ (Lukas 9, 24)

Liebe Geschwister, unser Predigtwort aus dem Matthäusevangelium wer-den wir nicht von heute auf morgen umsetzen können. Ein Baby kann auch nicht von heute auf morgen schreiben – aber es wird es lernen kön-nen. In einem Baby ist alles angelegt – es muss gefördert werden. Auch wir können es lernen! In der neuen Geburt als Kinder Gottes ist so vieles in uns angelegt und möglich. Wir können es einüben. Wir können damit beginnen, in unserem Miteinander und in den Begegnungen mit den Men-schen in unserem Alltag kräftig zu üben.

Amen

08.09.2009 Die Herrschaft Gottes: verborgen und doch gegenwärtig

Lukas 17, 20-25
Gottesdienst am 8. November 09


20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Got-tes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man´s beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, o-der: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.
22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht se-hen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein. 25 Zuvor muss er aber viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht.

Der Zeitgeist hat die Höhle als Zentrum des Lebens wieder entdeckt. "Cocooner" machen ihr Sofa zum Fixstern, zelebrieren das Stubenhocken mit allen Schikanen: Home-Sushi statt Japaner oder Ikea goes Feng Shui. Der Kokon als Sinnbild für Nestwärme wird auf Hochglanz poliert – um sich fett hineinzukuscheln. Ein friedliches Atoll im stürmischen Großstadtmeer. "Zur Ruhe kommen, in Ruhe gelassen werden und sich in Ruhe pflegen deuten auf einen Einstellungswandel hin, der Wohnen und Wohnumfeld wieder stärker in das Zentrum der persönlichen Lebensqualität rückt", so erklärt Freizeitforscher Prof. Dr. Horst W. Opaschowski den Hang zum Heim. Doch umso mehr lassen sich die "Zurückzie-her" In-Door-Artikel kosten. Riesige Sofainseln mit integrierten Flachbildschirmen, Well-ness-Sets fürs eigene Bad, Lieferdienste, die sämtliche Wünsche an der Türschwelle er-füllen, lassen das Herz jedes Cocooners höher schlagen. (www.max.de/lifestyle/gesellschaft/cocooning)
Cocooning – das ist „my home is my castle“ im 21. Jahrhundert. Aber ist diese Entwicklung nicht nachvollziehbar? Wir leben in einer von Krisen ge-schüttelten Welt. Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Beschäftigungskrise, O-pelkrise, VfL-Krise, Umweltkrise – bis in unser persönliches Leben hinein: Beziehungskrise, Ehekrise, Taschengeldkrise, Hausaufgabenkrise und Kin-derzimmerkrise.
Doch die Krisen drücken nicht nur außerhalb von uns, sondern auch in uns. Du musst den Erwartungen deiner Eltern entsprechen, den Erwartun-gen deines Partners genügen, die eigenen Erwartungen erfüllen. Du musst abnehmen, du musst besser aussehen, du musst sportlicher werden, du musst weniger Schokolade essen, du musst mehr lesen, du musst besser organisieren, du musst die nächste Klassenarbeit besser schreiben, du musst, du musst – Zwänge ohne Ende finden wir auch in uns.
Und wie ist es mit den Krisen in unserem Glauben. Sind wir nicht mal an-getreten, um die Welt zu verändern. „Mein Jesus und ich!“ – aufgepasst, wir zeigen, wie das Leben funktioniert, ich zeige, wie man glaubt, ich be-zeuge, dass man gar nicht anders kann, als an Jesus zu glauben…. Und jetzt: Bibellesen gelingt mir nur noch, wenn der Strom ausfällt, Gespräche über den Glauben sind langweilig und die Nächstenliebe muss warten, bis ich mal wieder mit mir selber klar komme. Begeisterter Glaube hat mei-nem Alltag nicht standgehalten.

Jesus, wann richtest Du Deine Herrschaft auf. Wie lange muss ich noch warten, bis sich Dein heilsamer Einfluss wieder zeigt in meinem Alltag?
Nein, nicht nur die Pharisäer fragen Jesus nach dem sichtbaren Anbruch der Herrschaft Gottes – auch wir tun das – manchmal jedenfalls.
Jesus gibt darauf drei Antworten:

1. Gottes Reich ist unsichtbar
Es sieht mehr nach Abwesenheit Gottes aus als nach seiner Anwesenheit. Wolfgang Borchert scheint mit seiner zynischen Kritik recht zu haben, die er der Kirche in „Draußen vor der Tür“ entgegenhält. Ich fasse seine Aus-sage mit meinen Worten zusammen: „Mag ja sein, dass Gott Mitleid hat mit uns und dass er uns mag. Aber er bringt nichts auf die Reihe. Er ist viel zu ohnmächtig und schusselig, etwas senil und von gestern. Von ihm kannst du einfach nichts erwarten. Gott ändert nichts an dem Jammer und den Krisen dieser Welt. Er tritt ihnen nicht entgegen. Er macht sich selbst nicht glaubwürdig, in dem er dem Chaos Einhalt gebietet und den Kriegen wehrt.“
Doch Jesus sagt uns in diesem Wort, dass das genau so ist. Das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes, die kannst du nicht in dieser Welt ablesen. Es gibt keine Entwicklungen und Gegebenheiten, bei deren Betrachtung man unweigerlich zu dem Fazit kommen kann: Ah, da isser ja!
Du siehst nichts! In der Regel fühlst du auch nichts! Und weil das so frust-rierend ist, sind wir auch anfällig für Stimmen, die uns zu „Erfahrungen“ einladen. „Da musst du hingehen… Hast du schon Karten für dieses Kon-zert oder jenes Highlight?“ Christen pilgern zu Events und hangeln sich von Seminar zu Seminar. Was suchen sie dort? Treibt uns nicht ein stetes Gefühl der Unzufriedenheit zu diesen Dingen? Oder wollen wir nicht we-nigstens mal eine Stunde was erleben?
Es scheint so, dass die Gegenwart Gottes so verhüllt ist, dass das Festhal-ten an ihm lächerlich wirkt. Aufgeklärte Zeitgenossen schütteln den Kopf über so viel Ignoranz. Im 21. Jahrhundert scheint Glaube „out“ und Kirche von gestern!

2. Gottes Reich ist da
Doch Jesus bleibt bei diesem Satz nicht stehen. Er gibt die zweite Antwort. Er sagt: Gottes Reich ist unsichtbar, und doch ist es inmitten von euch!
Wie nun – unsichtbar und doch voll da?
Gottes Herrschaft ist also nicht abwesend – er herrscht hier auf dieser Er-de. In diesem Jesus Christus ist diese Herrschaft zu uns gekommen.
Wir suchen Gottes Gegenwart im Paradies auf Erden – aber da ist er nicht. Wir würden an ihn Glauben, wenn er unsere Lebensverhältnisse stärker beeinflussen könnte – aber das tut er nicht.
Unser Wort sagt: im Leiden und dem Elend, das die menschenverachten-den Interessen der Mächtigen ständig neu schaffen, ist er zu finden. Da ist er. Du findest ihn nicht im Paradies – er ist in die Hölle auf Erden hinab gestiegen. Er kam ins Leiden, er wurde verworfen – nun gibt es kein Lei-den und keine Ausgrenzung und Willkür Mächtiger mehr, das Jesus nicht getragen hat und in das er nicht seinen Menschen beistehen könnte.

Jesus ändert nicht die Umstände unseres Lebens. Er packt das Problem bei seiner Wurzel: Am Herzen setzt er an. Jesus kann Herzen verändern. Wenn man allerdings gegen ihn mauert, kann man ebenso wenig mit ihm anfangen wie damals die Pharisäer.

Unserem Wort geht die Geschichte von der Heilung der Zehn Aussätzigen voraus. Aussätzige waren damals so gut wie „tot“. Sie kamen im Leben nicht mehr vor. Ausgegrenzt, abgestempelt, höchst gefährlich weil anste-ckend und scheinbar verdammt. Jesus heilt sie – alle! Das ist aufgefallen. Das war schon ein Zeichen. Da wurden aus zehn Aussätzigen wieder zehn Menschen. Sie wurden in das gemeinsame Leben wieder aufgenommen, weil Gott sie angenommen hatte uns sich über sie erbarmte.

Dieses Wirken Gottes ist in Jesus gegenwärtig: Jesus verändert die Herzen derer, die ihre Hoffnung auf ihn setzen. In Jesus nimmt Gott seine Ge-schöpfe wieder auf und aus ihnen werden „Kinder Gottes“. Gottes Herr-schaft ist da mitten unter uns – aber er ändert nicht die Verhältnisse, son-dern die Herzen. Damit ändert sich aber bei einem Menschen alles. Nun verlässt er sich und stellt sich in die Gegenwart Gottes: hier hat er Halt, hier ist seine Hoffnung, hier findet er Leben, hier kann er seine Geschichte klären und frei werden, in der Gegenwart befreit sein Leben zu gestalten.
Gottes Herrschaft ist in diesem Jesus da. An ihn kannst du dich hängen. Er ist der eine sichere Ort in diesem Universum.
Weil Christen nun „gehalten“ leben dürfen, können sie nicht nur dem wi-derstehen, dass diese Welt scheinbar nur die Abwesenheit Gottes doku-mentiert, sie treten nun auch dafür ein, dass die Menschen den kennen lernen, der harte Herzen verändern kann.

3. Gottes Reich wird kommen
Gottes Herrschaft ist unsichtbar und doch gegenwärtig – aber das Reich Gottes wird auch sichtbar kommen – keine Frage. Wie ein Blitz. Unüber-sehbar. Jesus wird als „Herr“ kommen (unverwechselbar, eindeutig und majestätisch). Er wird die Dunkelkammer dieser Welt „belichten“ – er wird zum Vorschein bringen, was da gelebt wurde und getan wurde. Er bringt an Licht und erweckt ins Licht. Überall muss ins Licht kommen, was auf dieser Erde gelebt und gewirkt hat.
Viele meiden das „Licht“, weil aufgedeckt werden könnte, was im Verbor-genen gelaufen ist. In der Bibel werden Christen auch „Kinder des Lichts“ genannt, weil sie zu ihren Taten stehen, Schuld bekennen, andern auch Schuld vergeben und zu einem Leben einladen, das aus der Barmherzig-keit Gottes heraus geführt wird.

Menschen, die mit einem erneuerten Herzen leben, ziehen sich nicht in einen frommen Kokon zurück. Menschen mit Barmherzigkeit sind immer aufgebrochen in diese Welt, um Menschen zu dienen und ihnen zu helfen, damit sie an dem Tag, an dem der ganze Kosmos „blitzt“, bestehen kön-nen.
Deshalb: Lasst uns mit heißen Herzen Zeichen setzten in dieser Welt und vor allem an dem Ort, wo wir leben
a. unsere Häuser können „Lebensräume“ werden, weil es Orte der Be-gegnungen sein können. Wer offene Herzen gegenüber Menschen hat, der wird auch die Türen seiner Wohnung öffnen. Wir können in den Nachbarn den „Bruder“ und die „Schwester“ entdecken, im Feind den Freund! Wir können sie einladen zum gemeinsamen Es-sen, Singen, Spielen, Reden – der Fantasie sind keine Grenzen ge-setzt.
b. unser Haus Lobetal ist kein frommer Kokon: er ist ein Ort der Hoff-nung für Menschen. Deshalb wird hier gebetet für die Nachbarn und für konkrete Angelegenheiten. Hier trifft man Menschen, die einen nicht alleine lassen. Hier findet man Hilfe in der Not. Hier gibt es In-spirationen für den Alltag. Hier gibt es ein Trainingsprogramm für ein Leben, an dem Gott seine Freude hat und das Menschen gut tut.

Cocooning ist nichts für Christen. Sie brechen den Kokon auf und flattern als Schmetterlinge in die Welt – Schmetterlinge sind Boten des Frühlings und künden das „Ende der Eiszeit“. Amen.

26.10.2009 Harte Herzen – und wie man sie überwinden kann

Markus 10, 2-9
Gottesdienst am 26. Okt. 2009

2 Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. 3 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? 4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. 5 Jesus aber sprach zu ihnen: Um euerer Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; 6 aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. 7 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an sei-ner Frau hängen, 8 und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. 9 Was nun Gott zusammen gefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.


Ein verliebtes Paar verabschiedet sich, denn er muss für eine lange Zeit, wegen des Baus eines Staudammes, ins Ausland. Er verspricht seiner Freundin, dass er ihr jeden Tag schreiben wird und an sie denkt. Kaum ist er in der Fremde angekommen, kauft er auch gleich eine große Menge Karten und Briefpapier und schreibt: Meine Liebste, du fehlst mit bereits jetzt. Ich weiß nicht, wie ich diese lange Zeit überstehen soll. Aber hier ist soweit alles in Ordnung und das Projekt ist kolossal… So schreibt er ihr täglich von seinem Ergehen und von seiner Liebe, vom Vorankommen beim Staudammbau und von seinen Erlebnissen mit den Einheimischen. Fast zwei Jahre gingen ins Land, als das Projekt endlich erfolgreich abge-schlossen werden konnte – sogar das schrieb er noch, wissend, dass er vor der Post zuhause sein würde.
Dann stand er endlich vor dem Haus seiner Liebsten und klopfte. Die Mut-ter seiner Freundin öffnete und war sehr überrascht, den jungen Mann nach so langer Zeit wiederzusehen. Auf die Frage, ob er denn die Tochter sehen könnte sagte sie zögerlich: „Ähm … ja, wissen sie …. Unsere Toch-ter hat im letzten Jahr geheiratet und wohnt nicht mehr hier!“ Der junge Mann erstarrte: „Aber …. Ich habe ihr doch immer geschrieben …. Warum nur … Wie konnte…. Wen hat sie denn geheiratet?“ Die Frau antwortete: „Den Briefträger!“

An dieser Geschichte sieht man sofort, worum es heute gehen wird: um Beziehungen, und wie man sie gestaltet, um Treue, und wie man sie durchhält und um Liebe, und wie man sie am Leben hält.

1. Beziehungen und wie man sie gestaltet
Da kamen also Pharisäer und fragten Jesus danach, ob sich ein Mann von seiner Frau scheiden lassen darf. Eigentlich keine strittige Frage, denn die Scheidungspraxis damals war ja durch Mose erlaubt und allseits beliebt – jedenfalls bei den Männern. Sie konnten sich von ihrer Frau scheiden las-sen. Was beabsichtigten die Pharisäer mit Ihrer Frage?
Sie waren damit beschäftigt, für einen Religionsprozess gegen Jesus „Mu-nition“ zu sammeln. Sie ahnten, dass Jesus die Gegebenheiten nicht gut heißen würde. Sie wussten, dass die Scheidungsfrage bereits Johannes der Täufer seinen Kopf gekostet hat – vielleicht könnte man sich ja Jesus geschmeidiger entledigen…

Wie dem auch sei: Jesus nimmt diese Frage auf, wie es damals gang und gebe war, indem er eine Gegenfrage stellte: Was hat euch Mose geboten? In 5. Mose 24, 1ff. steht, dass ein Mann seiner Frau einen Scheidebrief geben kann, wenn er „etwas Schändliches“ an ihr findet. Da könnte man also notfalls ein Haar in der Suppe finden….

Jesus erwidert überraschend: „Das hat Mose wegen euerer Herzenshärtig-keit getan. Von Anfang der Schöpfung an hat Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen.“ Dieses aufeinander-hin-Geschaffensein ist so stark, dass der Mann den Schutzraum (was soviel bedeutet wie „Hotel Mama“) seiner Sippe verlässt, und mit seiner Frau ein neues Miteinander begrün-det. Das ist die göttliche Arithmetik: 1 + 1 = 1; diese Einheit des Lebens ist von Gott gewollt. Was er nun füreinander geschaffen hat, soll der Mensch nicht trennen.

Jesus nimmt die Fragesteller auf zwei Expeditionen mit. Zum einen führt er sie zum Herzen der Menschen. Die sind hart. Der Mensch ist berech-nend, auf seinen Vorteil bedacht, entscheidet notfalls knallhart zu seinen Gunsten. Hart bedeutet soviel wie kalt. Früher gab es den Monat „Har-tung“ – es war der härteste und kälteste Monat – der Januar. So ist das Herz des Menschen. So tickt er in der Schaltzentrale seiner Persönlichkeit, in der er mit bedacht Entscheidungen fällt. Das Herz der Menschen ist hart und kalt – es ist wie „Stein“. Steine liegen lose nebeneinander.
Die zweite Expedition führt zu Gott: seine Schöpfung ist geprägt von ei-nem Miteinander. Er hat den Menschen als ein Gegenüber geschaffen. Er wollte für diesen Menschen da sein, sich ihm schenken. Und er hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen. Zwei gleichwertige Personen – geschaffen. Menschen stehen miteinander in Beziehung. Und sie stehen mit Gott in Beziehung. In diesem starken Miteinander soll das Leben ge-lingen.

Wenn Jesus in diesem Gespräch über die Ehe nachdenkt, dann tut er das nicht unter dem Gesichtspunkt: Wie könnten zwei Menschen noch mehr Toleranz füreinander gewinnen und es länger miteinander aushalten? Er dachte über Ehe angesichts der Herrschaft Gottes nach, die mit ihm zu den Menschen zurückkehrt. Gott kommt und Ehe wird möglich! Gott ist dabei und versorgt die beiden Personen, damit sie erfüllt füreinander da sein können. Nicht der Partner erfüllt mich – Gott erfüllt mich für den Part-ner!

Übrigens gilt das nicht nur für die Ehe. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2, 18) gilt für alle Menschen. Das gilt auch für die Älte-ren, deren Ehepartner bereits gestorben sind. Das gilt für Singles, die noch keinen Partner gefunden haben. Das hat seine Berechtigung auch für die, deren Partner sie verlassen hat. Das gilt für Alleinerziehende. Wir Menschen brauchen einander. Wir benötigen heute neue Formen dieses Miteinanders. Wir können Formen finden und entwickeln, durch die wir miteinander verbunden im Alltag leben. Ohne Gemeinschaft berauben wir uns der Lebenskraft und Lebenshoffnung. Und auch dieses gemeinsame Leben tickt in Dreiheit – Ich, Gott und der Mitmensch sind die Bezie-hungsbestandteile eines Lebens, das durch die Last des Alltags nicht müde wird und resigniert.

2. Treue, und wie man sie durchhält
Wenn zwei miteinander eine Einheit werden, dann ist das ein Wunder. Diese Einheit ist ein Wagnis – doch dieses Wagnis geht man ein Kraft sei-ner Liebe und Kraft seiner Persönlichkeit. Man traut sich. Trauung – dieses Wort beinhaltet „treu“. Das bedeutet, dass man miteinander fest verbun-den leben möchte – man schließt sozusagen einen Bund. Worin besteht dieser Bund? In der Schöpfungsgeschichte hören wir Gott: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei – ich will ihm eine Gehilfin machen.“ Eine Hilfe zum Leben ist ihm also gegeben. In der Liturgie heißt es, dass man das „JA“ zum andern in „guten und in bösen Tagen“ bewähren will.

Treue bedeutet, dass man immer wieder zu dem Punkt seines Verspre-chens zurückkehrt, an dem man dem andern seine Treue versichert hat. Und nun stehe ich dazu. Nun will ich meinen Partner unterstützen, för-dern, stark machen, erfreuen und mich ihm nicht verschließen.

Tragödien beginnen damit, dass sich einer dem andern zu verschließen beginnt. Man ergänzt sich nicht mehr, sondern meckert nur noch über den andern. Man möchte, dass sich der andere so ändert, wie man ihn „haben“ will. Hier vergeht man sich an der Persönlichkeit seines Partners. Die Per-sönlichkeit eines Menschen entfaltet sich dort, wo er unterstützt und er-mutigt wird.

Gott spricht also ganz nüchtern von einem Leben, das gelingen kann. Er spricht nicht von der „großen Liebe“ und auch nicht vom „Glück auf Er-den“, er verweist darauf, dass man so ist wie er: Man schenkt sich dem andern! Man dient dem andern. Man wendet sich ihm zu, redet mit ihm. Man sieht sein Gegenüber und nimmt wahr, wie es ihm geht. Man trägt seine Schwächen und fördert seine Stärken.

Jesus spricht über die Ehe im Zusammenhang damit, dass Gott seine Herrschaft aufrichtet. Wo Gott ist, da ist Barmherzigkeit und Vergebung – wenn wir scheitern in unserer Treue, dann dürfen wir neu anfangen und bitten: Vergib mir – das dürfen wir in zwei Richtungen sagen: zum Partner und zu Gott. Diese Quelle der Vergebung ist die Grundlage unserer Treue. Im Psalm 130, 4 heißt es: „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürch-te!“ Hier geht es nicht um Angst, sondern um Ehrfurcht und Wachheit, in der wir eine neue Chance bekommen, unser gemeinsames Miteinander zu erneuern. Wenn Brüche heilen, werden sie stabiler. Wenn Brüche nicht heilen, dann kommt man nicht mehr weiter miteinander.
So kann unsere Treue wachsen in Gottes Treue zu uns und in der Kraft seiner Vergebung.

3. Liebe, und wie sie am Leben bleibt
Nun ist das Wesentliche in einer Beziehung zwischen Mann und Frau nicht die Fürsorge oder die Unterstützung des andern, sondern die Liebe, die man füreinander empfindet. Die Liebe ist die Freude an der Gegenwart des anderen. In dieser Liebe liegt das Geheimnis der Hingabe, in der man sich dem andern schenkt. Hier ist Freiheit und hier ereignet sich freiwillige, lei-denschaftliche Bindung an den anderen.
Damit diese Liebe am Leben bleibt, braucht es waches Handeln. Diese Lie-be ist nicht automatisch in unserem Leben.
a. Die Bibel sagt, dass Gott eine Quelle der Liebe ist. Es tut gut, dass wir unsere Herzen ihm immer wieder hinhalten, damit er sie füllt und erneu-ert. Die Quelle liegt also außerhalb unserer Person. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns den Zugang zu dieser Quelle im Alltag offen halten. Wir be-nötigen Zeiten des Hörens auf das Wort dieses liebenden Gottes. Auch Zeiten des gemeinsamen Hörens in einer kleinen Hausandacht oder einer Zeit des Lobens am Morgen sind hilfreich und wirken sich wohltuend aus. Darin liegt eine besondere Aufgabe für uns Christen, dass wir uns in unse-rem Alltag solche Zeiten freischaufeln und nützen.
b. Die Liebe zu unserem Partner will sich immer wieder im Alltag bestäti-gen. Es ist genial, den andern zu überraschen und zu erfreuen. Die Liebe besitzt den andern nie – sie wirbt immer wieder um seine Liebe. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, dass wir an uns selbst arbeiten, wac-hsen und weiterkommen.
Eheleute mit Kinder benötigen Zeit für sich. Die Kinder sind eine Aufgabe beider – aber sie sind kein Partnerersatz. Immer mal wieder einen Abend oder einen Tag in Zweisamkeit verbringen erfrischt das Miteinander.
c. Innigste Gemeinschaft geschieht in der sexuellen Vereinigung. Hier ist der Ort, wo man sich ganz dem andern schenkt. Hier ist der Ort, an dem man sich richtig kennen lernt. Nicht umsonst spricht die Bibel hinsichtlich des Geschlechtsaktes davon, dass man den andern „erkennt“. Hier entde-cke ich, wo ich den andern schützen muss, wo er zerbrechlich ist, wo Grenzen liegen, die ich zu achten habe, damit ich die Psyche des andern nicht verletze. Gerade weil diese Vereinigung so wunderschön und innig ist, gilt es, den andern auch einen Schutzraum zu gewähren.

Liebe Gemeinde, es ist eine großartige und wichtige Aufgabe, dass wir für Ehepaare beten, für Familien mit ihren Kindern, für Singles und für Allein-erziehende. Es ist wichtig, für die Einsamen und älteren Geschwister zu beten. Und es ist wichtig, dass wir Gott in unsere harten Herzen hinein-wirken lassen: Er gibt ein Herz, das sich immer wieder aufmacht, den an-deren zu begegnen und zu stärken.

Und wenn sie irgendwann einmal im Ausland einen Staudamm bauen soll-te, dann nehmen sie ihre Liebste mit; oder sie schreiben ihr nicht so oft!
Amen