Matthäus 5, 38 – 48
Lobetal, 1. November 2009
38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich je-mand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. 40 Und wenn je-mand mit Dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch deinen Mantel. 41 Und wenn dich jemand nötigt eine Meile mitzugehen, so gehe mit ihm zwei. 42 Gib dem, der dich bittet und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.
43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben“ (3. Mose 19, 18) und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur zu eueren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.
Vollkommen sollen wir sein – ganz bei Gott, echte Christen, identisch sol-len wir leben und eindeutig sollen wir auftreten!
Aber – reicht unsere Liebe so weit? Heute fragen wir danach, wie eng wir die Grenzen der Liebe und Barmherzigkeit um uns gesteckt haben. Gottes Liebe und Barmherzigkeit ist grenzenlos. Und spätestens an dieser Stelle müssen wir bereits einwenden: Wir sind nicht vollkommen. Das ist doch keiner. Wir leben nicht in einer vollkommenen Welt. Wir leben in einer Welt der Rache.
„Mein ist die Rache“ – Elizabeth George erzählt in ihrem Kriminalroman die Geschichte eines Mannes, der sich an seiner Familie für Erlittenes rächt. Mit tiefem Hass zahlt er heim, weil er sich zurückgesetzt und un-recht behandelt fühlt. Doch nicht nur in der Literatur wird „Rache“ geübt.
Die Ägypterin Marwa El-Sherbini wird am 1. Juli von dem 26 russlanddeut-sche Alex W. getötet. Sie befanden sich bei einem Revisionsprozess um eine Geldstrafe wegen Beleidigung. Der junge Mann hatte die Ägypterin als „Terroristin“ beschimpft. Sie hatte sich gerichtlich gewehrt und bekam Recht. Der 26-Jährige stach mit einem Messer in einem Dresdner Ge-richtssaal 16 x zu – „Mein ist die Rache!“
2002: Zwei Jets prallten in 11 000 Meter Höhe ineinander und stürzten bei Überlingen am Bodensee ab. Unter den 71 Todesopfern befand sich auch die Familie des Russen Witali Kalojew: seine Ehefrau Swedana (42), sein Sohn Konstantin (10) und seine Tochter Diana (4). Witali Kalojews Leben zerbrach. Zwei Jahre wartete er auf eine Entschuldigung. Dann fuhr er in die Schweiz, ging zum Haus von Peter Nielsen, der in der Unglücksnacht Dienst bei der Flaugaufsicht „Skyguide“ hatte, klopfte an der Tür und er-stach ihn. Den eintreffenden Polizisten sagte er: „Blut muss mit Blut ge-rächt werden.“ Er wurde zu 5 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Als er im letzten Jahr wegen guter Führung frei gelassen wurde, empfing man ihn in der Heimat als Helden. „Mein ist die Rache!“
Im Internet findet man ein „Racheportal“. Dort heißt es: „Wenn Du Dich an Deinen Nachbarn, Kollegen oder Ex Freunden rächen möchtest, bist Du bei uns genau an der richtigen Adresse! Du kannst Dich aber auch direkt zu etwas bekennen, was Du jemandem schon immer mal sagen wolltest…“ „Mein ist die Rache!“
Liebe Geschwister, Rache dient nicht dem Recht – Rache dient der Sünde und der Schuld. Rache wirkt mit beim lavinenhaften Anschwellen von Hass und Gewalt. Man schlägt härter zurück! So sind wir. Wenn es uns trifft, dann fordern wir Vergeltung. Wir wollen das Recht herbeiführen – notfalls selbst. Wir lassen uns doch nichts gefallen!
Dazu schreibt Dietrich Bonhoeffer in seinem Buch „Nachfolge“: „Die Über-windung des anderen erfolgt nun dadurch, dass sein Böses sich totlaufen muss, dass es nicht findet, was es sucht, nämlich Widerstand und damit neues Böses, an dem es sich um so mehr entzünden könnte. Das Böse wird darin ohnmächtig, dass es keinen Gegenstand, keinen Widerstand findet, sondern willig ertragen und gelitten wird. Hier stößt das Böse auf einen Gegner, dem es nicht mehr gewachsen ist. Freilich nur dort, wo der letzte Rest von Widerstand aufgehoben ist, wo der Verzicht, Böses mit Bö-sem zu vergelten, restlos ist. Das Böse kann hier sein Ziel nicht erreichen, Böses zu schaffen, es bleibt allein…“ (S. 116)
Hier wird Rache entlarvt. Rache ist Handlanger des Bösen.
Doch wie kommen wir dahin, den Verzicht auf Vergeltung nun in unseren Alltag zu verankern? Wie bekommen wir ins Leben, was Jesus uns in sei-nem Wort hier zumutet? In fünf Schritten möchte ich dazu einen Weg auf-zeigen.
1. Jesus fordert uns in seinem Wort auf, als Kinder seines Vaters im Him-mel zu leben. Es geht nicht zuerst darum, irgendetwas tun zu müssen, sondern darum, dass wir etwas sind. Wir sind Kinder Gottes!
Wir dürfen nun wissen, dass unser himmlischer Vater uns mit seiner Er-wählung neue Würde verliehen und Ehre gegeben hat. Unsere Würde und Ehre ist in ihm garantiert. Wir verlieren sie nicht! Niemand kann sie uns rauben. Gott selbst steht dafür ein.
Was Gott uns geschenkt hat, dafür müssen wir nicht kämpfen. Wir müs-sen nicht um unsere Ehre streiten. Wir müssen nicht um unser Recht rin-gen – Gott hat es aufgerichtet. Jesus hat es für uns geschaffen. Er hat es getan, indem er sich nicht rächte, sondern Unrecht erlitt und willig an-nahm, was ihm andere zufügten. „Wie ein Schaf, das auf die Schlachtbank geführt“ (Jesaja 53) wurde, hat er sich gegen Gewalt, Unrecht, Spott und Leid nicht gewehrt. Er hat es getragen – und darin auch meine Gewalt, mein Unrecht und meine Lästerungen, in denen ich Menschen und Gott verletzt habe. Nun bin ich bei Gott und habe Frieden mit ihm und mit mei-nen Mitmenschen. Dieser Friede darf mich mehr und mehr prägen.
2. Jesus fordert in seinem Wort nicht zu einer großen Harmonisierung auf. Er sagt nicht: nun strengt euch ein bisschen an und seid nett zu einander. Nein. Er nennt Recht „Recht“ und Unrecht „Unrecht“. Er unterscheidet zwi-schen „Guten“ und „Bösen“ und benennt es. Gott benennt die Taten der Menschen. In seinem Licht erkennt man, wer man ist. Aber: er wendet sich nicht von dem ab, der Unrecht getan hat! Gott nennt eine böse Tat eines Menschen „böse“, aber er bleibt an seiner Seite. Er fordert ihn auf, sich zu ihm umzuwenden. Gott will retten und heilen. Und deshalb: wende dich auch nicht ab. Balle nicht die Faust in der Tasche sondern falte die Hände zum Gebet! Werde nicht laut – bleibe sachlich. Nenne die Untat beim Namen und stelle dich neben den andern. Biete deine Hilfe an und kündige nicht deine Unterstützung auf!
3. In Gottes Hand liegt das Gericht – nicht in meiner! Schuld wird gesühnt und gebeugtes Recht wird aufgerichtet. Am Ende der Tage richtet Gott sein Recht auf. Er zieht Menschen zur Verantwortung. Wir werden mit dem konfrontiert, was wir hier getan haben. Die Bibel macht deutlich, dass man sich nur „scheinbar“ aus der Verantwortung stehlen kann. Die „Gö-rings“ dieser Welt werden auferweckt zur öffentlichen Bilanz. Man kann sich nicht aus der Verantwortung schleichen. Gottes Ruf bringt den Men-schen mit seinen Taten ans Licht.
Ich darf es Gott überlassen, sein Recht aufzurichten. So wie Jesus. Ich darf mich einüben, Gott das Gericht zu überlassen.
4. Durchbruch durch die Spirale der Gewalt beginnt im Gebet. Beten sie für die, die ihnen wehgetan haben. Beenden sie die Phantasien, in denen sie endlich über den anderen triumphieren. Räumen sie ihr Herz auf. Brin-gen sie Gott alle Verletzungen und Demütigungen, die sie erlebt haben. Er möchte ihnen dafür seinen Frieden schenken. Er möchte, dass die Last des „Nachtragens“ von ihnen fällt und sie wieder entlastet leben können. Sie sind für ihr Herz verantwortlich.
Der Wochenspruch dieser Woche lautet: „Lass dich nicht vom Bösen ü-berwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Römer 12, 21 Fan-gen sie damit an, der Reaktion des Bösen in ihrem Herzen durch kleine Akte der Versöhnung und des Guten zu überwinden.
- im Straßenverkehr, wenn der andere mir die Vorfahrt nimmt oder wenn er bummelt, und ich habs eilig…
- daheim, wenn der andere seinen Finger genau auf meinen „wunden Punkt“ legt und mich mit dem konfrontiert, was ich schon lange weiß, was ich aber einfach nicht aus meinen Leben bekomme: nicht explodieren sondern bitten: Hilf mir, diesen Bereich anzupacken; alleine scheitere ich ständig…
- in der Arbeit für den beten, der mir unsympathisch ist. Den segnen, mit dem ich schlecht auskomme.
Doch die „Feinde“ umgeben uns nicht nur von außen – es sind feindliche Stimmen auch in uns. Wie viel Unrecht tun wir uns manchmal selber an, weil wir meinen: so wie ich bin, bin ich ein Nichts, ein Versager. Ich bin unattraktiv und ein Nichts. Wir rauben uns selbst die Ehre!
Im Gebet dürfen wir uns dieser Sätze, die uns selbst zerstören, entledigen – wir dürfen sie Gott benennen und um Befreiung von ihnen bitten.
5. Wer dem Bösen widersteht, der wird stark. Stärke ist keine Frage der Kraft, die ich habe und mit der ich mich anderen zur Wehr setzen kann. Stärke ist eine Frage der Liebe, in der ich den andern ertragen und aus-halten kann.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf Dietrich Bonhoeffer zu spre-chen kommen. Wärter im Tegeler Gefängnis hat diese Stärke der Güte Bonhoeffers höchst erstaunt. Andere Gefangene waren lethargisch oder zornig, haben gedroht oder geflucht, waren gelähmt vor Angst oder rebel-lisch, doch Bonhoeffer trat immer auf mit einem guten Wort für die Leute, mit einer freundlichen Ausstrahlung und mit einer aufrechten Haltung. Das Böse hat ihn nicht überwunden und auch nicht zerbrochen. In der Liebe zu Gott konnte er auch innere Zerrissenheit ertragen und immer wieder Trost und Hoffnung finden.
Wir dem Reflex der Vergeltung widersteht, der ist stark. Nun ist es beilei-be nicht so auf dieser Welt, dass Menschen, die auf Gewalt nicht mit Ge-gengewalt reagieren, nun geachtet und verschont werden. Nein, man muss vieles einstecken und erleiden – es kann sogar das Leben kosten. Aber wir wissen dabei, dass auch unser Leben in der Hand unseres himm-lischen Vaters geborgen ist. Ich sage das mit großer Achtung vor denen, die Unrecht leiden und mit zitternder Stimme. Aber ich bis gewiss, dass das Wort unseres Herrn sich erfüllen wird: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer es aber um meinetwillen verliert, der wird es erhalten.“ (Lukas 9, 24)
Liebe Geschwister, unser Predigtwort aus dem Matthäusevangelium wer-den wir nicht von heute auf morgen umsetzen können. Ein Baby kann auch nicht von heute auf morgen schreiben – aber es wird es lernen kön-nen. In einem Baby ist alles angelegt – es muss gefördert werden. Auch wir können es lernen! In der neuen Geburt als Kinder Gottes ist so vieles in uns angelegt und möglich. Wir können es einüben. Wir können damit beginnen, in unserem Miteinander und in den Begegnungen mit den Men-schen in unserem Alltag kräftig zu üben.
Amen
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