Montag, 16. November 2009

08.09.2009 Die Herrschaft Gottes: verborgen und doch gegenwärtig

Lukas 17, 20-25
Gottesdienst am 8. November 09


20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Got-tes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man´s beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, o-der: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.
22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht se-hen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein. 25 Zuvor muss er aber viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht.

Der Zeitgeist hat die Höhle als Zentrum des Lebens wieder entdeckt. "Cocooner" machen ihr Sofa zum Fixstern, zelebrieren das Stubenhocken mit allen Schikanen: Home-Sushi statt Japaner oder Ikea goes Feng Shui. Der Kokon als Sinnbild für Nestwärme wird auf Hochglanz poliert – um sich fett hineinzukuscheln. Ein friedliches Atoll im stürmischen Großstadtmeer. "Zur Ruhe kommen, in Ruhe gelassen werden und sich in Ruhe pflegen deuten auf einen Einstellungswandel hin, der Wohnen und Wohnumfeld wieder stärker in das Zentrum der persönlichen Lebensqualität rückt", so erklärt Freizeitforscher Prof. Dr. Horst W. Opaschowski den Hang zum Heim. Doch umso mehr lassen sich die "Zurückzie-her" In-Door-Artikel kosten. Riesige Sofainseln mit integrierten Flachbildschirmen, Well-ness-Sets fürs eigene Bad, Lieferdienste, die sämtliche Wünsche an der Türschwelle er-füllen, lassen das Herz jedes Cocooners höher schlagen. (www.max.de/lifestyle/gesellschaft/cocooning)
Cocooning – das ist „my home is my castle“ im 21. Jahrhundert. Aber ist diese Entwicklung nicht nachvollziehbar? Wir leben in einer von Krisen ge-schüttelten Welt. Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Beschäftigungskrise, O-pelkrise, VfL-Krise, Umweltkrise – bis in unser persönliches Leben hinein: Beziehungskrise, Ehekrise, Taschengeldkrise, Hausaufgabenkrise und Kin-derzimmerkrise.
Doch die Krisen drücken nicht nur außerhalb von uns, sondern auch in uns. Du musst den Erwartungen deiner Eltern entsprechen, den Erwartun-gen deines Partners genügen, die eigenen Erwartungen erfüllen. Du musst abnehmen, du musst besser aussehen, du musst sportlicher werden, du musst weniger Schokolade essen, du musst mehr lesen, du musst besser organisieren, du musst die nächste Klassenarbeit besser schreiben, du musst, du musst – Zwänge ohne Ende finden wir auch in uns.
Und wie ist es mit den Krisen in unserem Glauben. Sind wir nicht mal an-getreten, um die Welt zu verändern. „Mein Jesus und ich!“ – aufgepasst, wir zeigen, wie das Leben funktioniert, ich zeige, wie man glaubt, ich be-zeuge, dass man gar nicht anders kann, als an Jesus zu glauben…. Und jetzt: Bibellesen gelingt mir nur noch, wenn der Strom ausfällt, Gespräche über den Glauben sind langweilig und die Nächstenliebe muss warten, bis ich mal wieder mit mir selber klar komme. Begeisterter Glaube hat mei-nem Alltag nicht standgehalten.

Jesus, wann richtest Du Deine Herrschaft auf. Wie lange muss ich noch warten, bis sich Dein heilsamer Einfluss wieder zeigt in meinem Alltag?
Nein, nicht nur die Pharisäer fragen Jesus nach dem sichtbaren Anbruch der Herrschaft Gottes – auch wir tun das – manchmal jedenfalls.
Jesus gibt darauf drei Antworten:

1. Gottes Reich ist unsichtbar
Es sieht mehr nach Abwesenheit Gottes aus als nach seiner Anwesenheit. Wolfgang Borchert scheint mit seiner zynischen Kritik recht zu haben, die er der Kirche in „Draußen vor der Tür“ entgegenhält. Ich fasse seine Aus-sage mit meinen Worten zusammen: „Mag ja sein, dass Gott Mitleid hat mit uns und dass er uns mag. Aber er bringt nichts auf die Reihe. Er ist viel zu ohnmächtig und schusselig, etwas senil und von gestern. Von ihm kannst du einfach nichts erwarten. Gott ändert nichts an dem Jammer und den Krisen dieser Welt. Er tritt ihnen nicht entgegen. Er macht sich selbst nicht glaubwürdig, in dem er dem Chaos Einhalt gebietet und den Kriegen wehrt.“
Doch Jesus sagt uns in diesem Wort, dass das genau so ist. Das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes, die kannst du nicht in dieser Welt ablesen. Es gibt keine Entwicklungen und Gegebenheiten, bei deren Betrachtung man unweigerlich zu dem Fazit kommen kann: Ah, da isser ja!
Du siehst nichts! In der Regel fühlst du auch nichts! Und weil das so frust-rierend ist, sind wir auch anfällig für Stimmen, die uns zu „Erfahrungen“ einladen. „Da musst du hingehen… Hast du schon Karten für dieses Kon-zert oder jenes Highlight?“ Christen pilgern zu Events und hangeln sich von Seminar zu Seminar. Was suchen sie dort? Treibt uns nicht ein stetes Gefühl der Unzufriedenheit zu diesen Dingen? Oder wollen wir nicht we-nigstens mal eine Stunde was erleben?
Es scheint so, dass die Gegenwart Gottes so verhüllt ist, dass das Festhal-ten an ihm lächerlich wirkt. Aufgeklärte Zeitgenossen schütteln den Kopf über so viel Ignoranz. Im 21. Jahrhundert scheint Glaube „out“ und Kirche von gestern!

2. Gottes Reich ist da
Doch Jesus bleibt bei diesem Satz nicht stehen. Er gibt die zweite Antwort. Er sagt: Gottes Reich ist unsichtbar, und doch ist es inmitten von euch!
Wie nun – unsichtbar und doch voll da?
Gottes Herrschaft ist also nicht abwesend – er herrscht hier auf dieser Er-de. In diesem Jesus Christus ist diese Herrschaft zu uns gekommen.
Wir suchen Gottes Gegenwart im Paradies auf Erden – aber da ist er nicht. Wir würden an ihn Glauben, wenn er unsere Lebensverhältnisse stärker beeinflussen könnte – aber das tut er nicht.
Unser Wort sagt: im Leiden und dem Elend, das die menschenverachten-den Interessen der Mächtigen ständig neu schaffen, ist er zu finden. Da ist er. Du findest ihn nicht im Paradies – er ist in die Hölle auf Erden hinab gestiegen. Er kam ins Leiden, er wurde verworfen – nun gibt es kein Lei-den und keine Ausgrenzung und Willkür Mächtiger mehr, das Jesus nicht getragen hat und in das er nicht seinen Menschen beistehen könnte.

Jesus ändert nicht die Umstände unseres Lebens. Er packt das Problem bei seiner Wurzel: Am Herzen setzt er an. Jesus kann Herzen verändern. Wenn man allerdings gegen ihn mauert, kann man ebenso wenig mit ihm anfangen wie damals die Pharisäer.

Unserem Wort geht die Geschichte von der Heilung der Zehn Aussätzigen voraus. Aussätzige waren damals so gut wie „tot“. Sie kamen im Leben nicht mehr vor. Ausgegrenzt, abgestempelt, höchst gefährlich weil anste-ckend und scheinbar verdammt. Jesus heilt sie – alle! Das ist aufgefallen. Das war schon ein Zeichen. Da wurden aus zehn Aussätzigen wieder zehn Menschen. Sie wurden in das gemeinsame Leben wieder aufgenommen, weil Gott sie angenommen hatte uns sich über sie erbarmte.

Dieses Wirken Gottes ist in Jesus gegenwärtig: Jesus verändert die Herzen derer, die ihre Hoffnung auf ihn setzen. In Jesus nimmt Gott seine Ge-schöpfe wieder auf und aus ihnen werden „Kinder Gottes“. Gottes Herr-schaft ist da mitten unter uns – aber er ändert nicht die Verhältnisse, son-dern die Herzen. Damit ändert sich aber bei einem Menschen alles. Nun verlässt er sich und stellt sich in die Gegenwart Gottes: hier hat er Halt, hier ist seine Hoffnung, hier findet er Leben, hier kann er seine Geschichte klären und frei werden, in der Gegenwart befreit sein Leben zu gestalten.
Gottes Herrschaft ist in diesem Jesus da. An ihn kannst du dich hängen. Er ist der eine sichere Ort in diesem Universum.
Weil Christen nun „gehalten“ leben dürfen, können sie nicht nur dem wi-derstehen, dass diese Welt scheinbar nur die Abwesenheit Gottes doku-mentiert, sie treten nun auch dafür ein, dass die Menschen den kennen lernen, der harte Herzen verändern kann.

3. Gottes Reich wird kommen
Gottes Herrschaft ist unsichtbar und doch gegenwärtig – aber das Reich Gottes wird auch sichtbar kommen – keine Frage. Wie ein Blitz. Unüber-sehbar. Jesus wird als „Herr“ kommen (unverwechselbar, eindeutig und majestätisch). Er wird die Dunkelkammer dieser Welt „belichten“ – er wird zum Vorschein bringen, was da gelebt wurde und getan wurde. Er bringt an Licht und erweckt ins Licht. Überall muss ins Licht kommen, was auf dieser Erde gelebt und gewirkt hat.
Viele meiden das „Licht“, weil aufgedeckt werden könnte, was im Verbor-genen gelaufen ist. In der Bibel werden Christen auch „Kinder des Lichts“ genannt, weil sie zu ihren Taten stehen, Schuld bekennen, andern auch Schuld vergeben und zu einem Leben einladen, das aus der Barmherzig-keit Gottes heraus geführt wird.

Menschen, die mit einem erneuerten Herzen leben, ziehen sich nicht in einen frommen Kokon zurück. Menschen mit Barmherzigkeit sind immer aufgebrochen in diese Welt, um Menschen zu dienen und ihnen zu helfen, damit sie an dem Tag, an dem der ganze Kosmos „blitzt“, bestehen kön-nen.
Deshalb: Lasst uns mit heißen Herzen Zeichen setzten in dieser Welt und vor allem an dem Ort, wo wir leben
a. unsere Häuser können „Lebensräume“ werden, weil es Orte der Be-gegnungen sein können. Wer offene Herzen gegenüber Menschen hat, der wird auch die Türen seiner Wohnung öffnen. Wir können in den Nachbarn den „Bruder“ und die „Schwester“ entdecken, im Feind den Freund! Wir können sie einladen zum gemeinsamen Es-sen, Singen, Spielen, Reden – der Fantasie sind keine Grenzen ge-setzt.
b. unser Haus Lobetal ist kein frommer Kokon: er ist ein Ort der Hoff-nung für Menschen. Deshalb wird hier gebetet für die Nachbarn und für konkrete Angelegenheiten. Hier trifft man Menschen, die einen nicht alleine lassen. Hier findet man Hilfe in der Not. Hier gibt es In-spirationen für den Alltag. Hier gibt es ein Trainingsprogramm für ein Leben, an dem Gott seine Freude hat und das Menschen gut tut.

Cocooning ist nichts für Christen. Sie brechen den Kokon auf und flattern als Schmetterlinge in die Welt – Schmetterlinge sind Boten des Frühlings und künden das „Ende der Eiszeit“. Amen.

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