Montag, 16. November 2009

18.10.2009 Wieder auf die Beine kommen

Markus 2, 1 – 12
Predigt in Lobetal am 18. Okt. 2009

1 Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde be-kannt, dass er im Hause war. 2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. 3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getra-gen. 4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnte wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett hinunter, auf dem der Gelähmte war. 5 Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihrem Herzen: 7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in eueren Herzen? 9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sündern vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? 10 Damit ihr aber wisst, dass der Men-schensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!
12 Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sie sich entsetzten und Gott priesen und sprachen: wir haben so etwas noch nie gesehen.


Sie: „Hans-Dieter, wir müssen miteinander reden!“ Er: „Aber Liebling, es gibt 12 Frisöre, 5 Logopäden, 8 Psychologen, 3 Selbsthilfegruppen, 10 Ca-fés, 7 Frauenkreise und ein Notfalltelefon – da wirst du schon jemanden finden, der mit dir redet!“
So ähnlich lautet eine Werbung für die Gelben Seiten. Auf den ersten Blick ganz nett – aber bei genauerem Hinschauen wird ein tragisches Ausmaß sichtbar: Da will jemand mit seinem Partner reden, und er verweist ihn auf eine Einrichtung oder ein Angebot, lässt ihn vor seinem Herzen ste-hen, und wendet sich wohl wieder seiner Lieblingsbeschäftigung zu.

So kommt man nicht auf die Beine. Weder „Hans-Dieter“ tut es gut, ein Gespräch zu blockieren, noch ist es für eine Ehe gut, wenn man nicht mit-einander redet. Es gibt viele Beziehungen, die in einer Sackgasse stecken und in denen man nicht weiter wächst.

Unser Wort spricht von einem Gelähmten, den Leute zu Jesus bringen. Sie wissen um ihn, sie haben sich vor seiner Not nicht verschlossen. Sie kön-nen ihm eigentlich nicht helfen. Sie haben nichts, was ihn beweglich macht. Die einzige Hoffnung sehen sie in diesem Jesus. Und so bringen sie ihn dorthin, wo dieser Jesus sich gerade aufhält.

1. Die Lähmung des Lebens
Das sind die tragischen Lähmungen in unserem Leben: man kommt nicht mehr dahin, diesem Jesus zu begegnen. Man weiß von ihm. Man hat viel über ihn gehört. Man hat sogar schon Erfahrungen mit ihm gemacht. Aber irgendwie blockiert eine große Trägheit einen möglichen Aufbruch. Die Ta-ge rauschen dahin – aber wir können uns irgendwie nicht aufmachen zu Jesus!

In unserem Wort „lahm“ liegt die Wurzel „brechen“ – lahm bedeutet so-viel wie „gliederschwach, gebrechlich, gebrochen“.
Lähmend wirkt es sich im Leben aus, wenn man mit jemand „gebrochen“ hat.
Viele Menschen haben mit Gott gebrochen.
Viele haben Gott aus ihrem Leben herausgebrochen! Was sich in unserem Alltag nicht ereignet, das spielt keine Rolle! Deshalb gibt es keine vertrauten Begegnungen und Rituale. Somit gibt es keine Erwar-tungen mehr an ihn.
Viele Menschen haben mit anderen Menschen gebrochen; mit Nachbarn, mit ehemaligen Freunden – ja sogar mit Familienangehörigen oder gar mit dem Partner. An dieser Lähmung leidet diese Welt und an dieser Lähmung wird sie schließlich zugrunde gehen. Vielleicht lebt man noch mit Men-schen zusammen, mit denen man „gebrochen“ hat. Aber das Miteinander ist dann von einem lähmenden Schleier umgeben. Hier lebt nichts mehr. Hier ist die Lebensfreude abhanden gekommen. Hier ist Gemeinschaft nicht mehr möglich.
Diese Entwicklung ist fatal. Wir Menschen sind auf Beziehungen hin ange-legt, denn wir sind ergänzungswürdig! Wer den andern perfekt haben möchte, der übersieht, dass er selbst nicht perfekt ist. Wir haben uns, um uns zu ergänzen. Wer den Partner ohne eigene Unterstützung und dienen-des Begleiten lässt, der wird an der unvollkommenen Hälfte des andern zerbrechen!
Reden – ist gut; aber noch wichtiger ist, dass wir uns selbst entwickeln und lernen, den andern stark zu machen an seinen Schwachpunkten – o-der ihn einfach nur zu ertragen und zu lieben!

2. Freunde als Hoffungsträger
Menschen, die um mich wissen, sind ein Geschenk Gottes. Aber solche Menschen gibt es nicht einfach. Freunde muss man sich „machen“, indem man mit Menschen redet, ihnen Anteil gebt an dem, was einen beschäftigt und bewegt, freut und ängstigt. Und wenn wir entdecken, dass unsere Worte das Herz des andern erreichen und ihn bewegen, dann wird er an mich denken und mich begleiten! Dann haben wir einen Freund gewon-nen.
Freunde sind so wichtig für unser Leben. Freunde sind Hoffnungsträger – wie in unserer Geschichte. Sie bringen den Gelähmten zu Jesus. Sie helfen ihn, die Barriere zu überwinden, die ihn davon abhält, das selbst in die Hand zu nehmen. Wo Freunde sind, da ist Hoffnung. Es ist nicht schlimm, wenn man nicht mehr weiter weiß. Es ist aber schlimm, wenn man dann auch noch alleine ist.
Wohl dem Menschen, der einen Freund hat, der für ihn betet, der an ihn denkt, der genau hinschaut und gut zuhört.
Liebe Geschwister, das ist für uns eine lohnende Aufgabe, unsere Freund-schaften zu pflegen und Freunde zu gewinnen.

Wir leben nicht alleine von unseren Möglichkeiten – wir leben auch nicht von unserem Glauben – wir leben davon, dass Jesus mitgeht und dass er uns Freunde schenkt, die uns begleiten.

3. Vergebung: wieder auf die Beine gestellt werden
Die Freunde liefern also den Gelähmten direkt vor Jesus ab. Nun sind alle gespannt. Was wird Jesus tun? Wird Jesus ihn sofort wieder auf die Beine stellen und Gesundheit schenken.
Alle sind erstaunt – die Pharisäer empört: Jesus vergibt dem gelähmten Menschen seine Schuld. Dazu ist er ermächtigt. Das ist die zentrale Le-benshilfe Gottes: er kann bewirken, dass lähmende Schuld aus unserem Leben weicht und vergebende Liebe uns wieder auf die Beine stellt. Durch Vergebung wird unser Leben, und alles, was unser Leben ausmacht, wie-der in Beziehung mit dem lebendigen Gott gebracht. Meine Beziehungen – sie sind nicht Schicksal, sondern Chancen, weil Gott derjenige ist, der die-se Beziehungen nun durch seine Gegenwart neu ausrichtet.

Wenn Gott in unserem Leben ist, dann bekommt alles wieder seine richti-ge Ausrichtung und seinen angemessenen Platz. So wird der Ehepartner endlich von dem Druck befreit, den anderen glücklich machen zu müssen. Die Bibel zeigt uns, dass der Ehegatte ein Gehilfe für das Leben ist. Es tut gut, sich gegenseitig zu stützen, zu fördern und zu lieben. Aber Gott er-füllt mein Leben und in ihm habe ich mein Glück! Diese Erfahrung darf ich täglich machen. Er möchte mich mit Kraft und guten Ideen für den Tag erfüllen – vor allem mit Liebe, damit ich dem andern recht begegnen kann.
Der Beruf wird wieder zu dem, was er sein soll: Hilfe zum Lebensunterhalt und wenn es sein darf, zur Chance, die Gesellschaft mitzugestalten; auch er wird befreit von dem Druck, mich glücklich machen zu müssen. Ge-meinde wird zu dem Ort, an dem Gott mir durch andere dient und ich an-deren in seinem Namen dienen darf.
Vergebung macht den Weg frei zu einem befreiten Leben mit dem leben-digen Gott, mit dem Gott, der mich liebt und der mir hilft.

Über diesen Gott kann man nur staunen und jubeln. Sündenvergebung ist wie eine Neugeburt: ich bin wieder in der Gemeinschaft mit Gott und er übernimmt Verantwortung über mich. Dass die Menschen das glauben können, dass Jesus die Autorität zur Sündenvergebung besitzt, unter-streicht die körperliche Heilung des Gelähmten. Jetzt ist erkennbar: Jesus stellt wieder auf die Beine! Dabei ist die „innere Heilung“ durch die Verge-bung der Schuld das eigentliche Wunder. Der Mensch ist wieder fähig, sei-ne Beziehungen zu gestalten.
Das kann praktisch dann so aussehen: Sie: Hans Dieter – wir müssen mit einander reden.
Er: Sofort, oder kann ich noch eine Kerze anzünden und zwei Gläser ho-len?
Amen.

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