Markus 10, 2-9
Gottesdienst am 26. Okt. 2009
2 Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. 3 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? 4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. 5 Jesus aber sprach zu ihnen: Um euerer Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; 6 aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. 7 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an sei-ner Frau hängen, 8 und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. 9 Was nun Gott zusammen gefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.
Ein verliebtes Paar verabschiedet sich, denn er muss für eine lange Zeit, wegen des Baus eines Staudammes, ins Ausland. Er verspricht seiner Freundin, dass er ihr jeden Tag schreiben wird und an sie denkt. Kaum ist er in der Fremde angekommen, kauft er auch gleich eine große Menge Karten und Briefpapier und schreibt: Meine Liebste, du fehlst mit bereits jetzt. Ich weiß nicht, wie ich diese lange Zeit überstehen soll. Aber hier ist soweit alles in Ordnung und das Projekt ist kolossal… So schreibt er ihr täglich von seinem Ergehen und von seiner Liebe, vom Vorankommen beim Staudammbau und von seinen Erlebnissen mit den Einheimischen. Fast zwei Jahre gingen ins Land, als das Projekt endlich erfolgreich abge-schlossen werden konnte – sogar das schrieb er noch, wissend, dass er vor der Post zuhause sein würde.
Dann stand er endlich vor dem Haus seiner Liebsten und klopfte. Die Mut-ter seiner Freundin öffnete und war sehr überrascht, den jungen Mann nach so langer Zeit wiederzusehen. Auf die Frage, ob er denn die Tochter sehen könnte sagte sie zögerlich: „Ähm … ja, wissen sie …. Unsere Toch-ter hat im letzten Jahr geheiratet und wohnt nicht mehr hier!“ Der junge Mann erstarrte: „Aber …. Ich habe ihr doch immer geschrieben …. Warum nur … Wie konnte…. Wen hat sie denn geheiratet?“ Die Frau antwortete: „Den Briefträger!“
An dieser Geschichte sieht man sofort, worum es heute gehen wird: um Beziehungen, und wie man sie gestaltet, um Treue, und wie man sie durchhält und um Liebe, und wie man sie am Leben hält.
1. Beziehungen und wie man sie gestaltet
Da kamen also Pharisäer und fragten Jesus danach, ob sich ein Mann von seiner Frau scheiden lassen darf. Eigentlich keine strittige Frage, denn die Scheidungspraxis damals war ja durch Mose erlaubt und allseits beliebt – jedenfalls bei den Männern. Sie konnten sich von ihrer Frau scheiden las-sen. Was beabsichtigten die Pharisäer mit Ihrer Frage?
Sie waren damit beschäftigt, für einen Religionsprozess gegen Jesus „Mu-nition“ zu sammeln. Sie ahnten, dass Jesus die Gegebenheiten nicht gut heißen würde. Sie wussten, dass die Scheidungsfrage bereits Johannes der Täufer seinen Kopf gekostet hat – vielleicht könnte man sich ja Jesus geschmeidiger entledigen…
Wie dem auch sei: Jesus nimmt diese Frage auf, wie es damals gang und gebe war, indem er eine Gegenfrage stellte: Was hat euch Mose geboten? In 5. Mose 24, 1ff. steht, dass ein Mann seiner Frau einen Scheidebrief geben kann, wenn er „etwas Schändliches“ an ihr findet. Da könnte man also notfalls ein Haar in der Suppe finden….
Jesus erwidert überraschend: „Das hat Mose wegen euerer Herzenshärtig-keit getan. Von Anfang der Schöpfung an hat Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen.“ Dieses aufeinander-hin-Geschaffensein ist so stark, dass der Mann den Schutzraum (was soviel bedeutet wie „Hotel Mama“) seiner Sippe verlässt, und mit seiner Frau ein neues Miteinander begrün-det. Das ist die göttliche Arithmetik: 1 + 1 = 1; diese Einheit des Lebens ist von Gott gewollt. Was er nun füreinander geschaffen hat, soll der Mensch nicht trennen.
Jesus nimmt die Fragesteller auf zwei Expeditionen mit. Zum einen führt er sie zum Herzen der Menschen. Die sind hart. Der Mensch ist berech-nend, auf seinen Vorteil bedacht, entscheidet notfalls knallhart zu seinen Gunsten. Hart bedeutet soviel wie kalt. Früher gab es den Monat „Har-tung“ – es war der härteste und kälteste Monat – der Januar. So ist das Herz des Menschen. So tickt er in der Schaltzentrale seiner Persönlichkeit, in der er mit bedacht Entscheidungen fällt. Das Herz der Menschen ist hart und kalt – es ist wie „Stein“. Steine liegen lose nebeneinander.
Die zweite Expedition führt zu Gott: seine Schöpfung ist geprägt von ei-nem Miteinander. Er hat den Menschen als ein Gegenüber geschaffen. Er wollte für diesen Menschen da sein, sich ihm schenken. Und er hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen. Zwei gleichwertige Personen – geschaffen. Menschen stehen miteinander in Beziehung. Und sie stehen mit Gott in Beziehung. In diesem starken Miteinander soll das Leben ge-lingen.
Wenn Jesus in diesem Gespräch über die Ehe nachdenkt, dann tut er das nicht unter dem Gesichtspunkt: Wie könnten zwei Menschen noch mehr Toleranz füreinander gewinnen und es länger miteinander aushalten? Er dachte über Ehe angesichts der Herrschaft Gottes nach, die mit ihm zu den Menschen zurückkehrt. Gott kommt und Ehe wird möglich! Gott ist dabei und versorgt die beiden Personen, damit sie erfüllt füreinander da sein können. Nicht der Partner erfüllt mich – Gott erfüllt mich für den Part-ner!
Übrigens gilt das nicht nur für die Ehe. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2, 18) gilt für alle Menschen. Das gilt auch für die Älte-ren, deren Ehepartner bereits gestorben sind. Das gilt für Singles, die noch keinen Partner gefunden haben. Das hat seine Berechtigung auch für die, deren Partner sie verlassen hat. Das gilt für Alleinerziehende. Wir Menschen brauchen einander. Wir benötigen heute neue Formen dieses Miteinanders. Wir können Formen finden und entwickeln, durch die wir miteinander verbunden im Alltag leben. Ohne Gemeinschaft berauben wir uns der Lebenskraft und Lebenshoffnung. Und auch dieses gemeinsame Leben tickt in Dreiheit – Ich, Gott und der Mitmensch sind die Bezie-hungsbestandteile eines Lebens, das durch die Last des Alltags nicht müde wird und resigniert.
2. Treue, und wie man sie durchhält
Wenn zwei miteinander eine Einheit werden, dann ist das ein Wunder. Diese Einheit ist ein Wagnis – doch dieses Wagnis geht man ein Kraft sei-ner Liebe und Kraft seiner Persönlichkeit. Man traut sich. Trauung – dieses Wort beinhaltet „treu“. Das bedeutet, dass man miteinander fest verbun-den leben möchte – man schließt sozusagen einen Bund. Worin besteht dieser Bund? In der Schöpfungsgeschichte hören wir Gott: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei – ich will ihm eine Gehilfin machen.“ Eine Hilfe zum Leben ist ihm also gegeben. In der Liturgie heißt es, dass man das „JA“ zum andern in „guten und in bösen Tagen“ bewähren will.
Treue bedeutet, dass man immer wieder zu dem Punkt seines Verspre-chens zurückkehrt, an dem man dem andern seine Treue versichert hat. Und nun stehe ich dazu. Nun will ich meinen Partner unterstützen, för-dern, stark machen, erfreuen und mich ihm nicht verschließen.
Tragödien beginnen damit, dass sich einer dem andern zu verschließen beginnt. Man ergänzt sich nicht mehr, sondern meckert nur noch über den andern. Man möchte, dass sich der andere so ändert, wie man ihn „haben“ will. Hier vergeht man sich an der Persönlichkeit seines Partners. Die Per-sönlichkeit eines Menschen entfaltet sich dort, wo er unterstützt und er-mutigt wird.
Gott spricht also ganz nüchtern von einem Leben, das gelingen kann. Er spricht nicht von der „großen Liebe“ und auch nicht vom „Glück auf Er-den“, er verweist darauf, dass man so ist wie er: Man schenkt sich dem andern! Man dient dem andern. Man wendet sich ihm zu, redet mit ihm. Man sieht sein Gegenüber und nimmt wahr, wie es ihm geht. Man trägt seine Schwächen und fördert seine Stärken.
Jesus spricht über die Ehe im Zusammenhang damit, dass Gott seine Herrschaft aufrichtet. Wo Gott ist, da ist Barmherzigkeit und Vergebung – wenn wir scheitern in unserer Treue, dann dürfen wir neu anfangen und bitten: Vergib mir – das dürfen wir in zwei Richtungen sagen: zum Partner und zu Gott. Diese Quelle der Vergebung ist die Grundlage unserer Treue. Im Psalm 130, 4 heißt es: „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürch-te!“ Hier geht es nicht um Angst, sondern um Ehrfurcht und Wachheit, in der wir eine neue Chance bekommen, unser gemeinsames Miteinander zu erneuern. Wenn Brüche heilen, werden sie stabiler. Wenn Brüche nicht heilen, dann kommt man nicht mehr weiter miteinander.
So kann unsere Treue wachsen in Gottes Treue zu uns und in der Kraft seiner Vergebung.
3. Liebe, und wie sie am Leben bleibt
Nun ist das Wesentliche in einer Beziehung zwischen Mann und Frau nicht die Fürsorge oder die Unterstützung des andern, sondern die Liebe, die man füreinander empfindet. Die Liebe ist die Freude an der Gegenwart des anderen. In dieser Liebe liegt das Geheimnis der Hingabe, in der man sich dem andern schenkt. Hier ist Freiheit und hier ereignet sich freiwillige, lei-denschaftliche Bindung an den anderen.
Damit diese Liebe am Leben bleibt, braucht es waches Handeln. Diese Lie-be ist nicht automatisch in unserem Leben.
a. Die Bibel sagt, dass Gott eine Quelle der Liebe ist. Es tut gut, dass wir unsere Herzen ihm immer wieder hinhalten, damit er sie füllt und erneu-ert. Die Quelle liegt also außerhalb unserer Person. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns den Zugang zu dieser Quelle im Alltag offen halten. Wir be-nötigen Zeiten des Hörens auf das Wort dieses liebenden Gottes. Auch Zeiten des gemeinsamen Hörens in einer kleinen Hausandacht oder einer Zeit des Lobens am Morgen sind hilfreich und wirken sich wohltuend aus. Darin liegt eine besondere Aufgabe für uns Christen, dass wir uns in unse-rem Alltag solche Zeiten freischaufeln und nützen.
b. Die Liebe zu unserem Partner will sich immer wieder im Alltag bestäti-gen. Es ist genial, den andern zu überraschen und zu erfreuen. Die Liebe besitzt den andern nie – sie wirbt immer wieder um seine Liebe. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, dass wir an uns selbst arbeiten, wac-hsen und weiterkommen.
Eheleute mit Kinder benötigen Zeit für sich. Die Kinder sind eine Aufgabe beider – aber sie sind kein Partnerersatz. Immer mal wieder einen Abend oder einen Tag in Zweisamkeit verbringen erfrischt das Miteinander.
c. Innigste Gemeinschaft geschieht in der sexuellen Vereinigung. Hier ist der Ort, wo man sich ganz dem andern schenkt. Hier ist der Ort, an dem man sich richtig kennen lernt. Nicht umsonst spricht die Bibel hinsichtlich des Geschlechtsaktes davon, dass man den andern „erkennt“. Hier entde-cke ich, wo ich den andern schützen muss, wo er zerbrechlich ist, wo Grenzen liegen, die ich zu achten habe, damit ich die Psyche des andern nicht verletze. Gerade weil diese Vereinigung so wunderschön und innig ist, gilt es, den andern auch einen Schutzraum zu gewähren.
Liebe Gemeinde, es ist eine großartige und wichtige Aufgabe, dass wir für Ehepaare beten, für Familien mit ihren Kindern, für Singles und für Allein-erziehende. Es ist wichtig, für die Einsamen und älteren Geschwister zu beten. Und es ist wichtig, dass wir Gott in unsere harten Herzen hinein-wirken lassen: Er gibt ein Herz, das sich immer wieder aufmacht, den an-deren zu begegnen und zu stärken.
Und wenn sie irgendwann einmal im Ausland einen Staudamm bauen soll-te, dann nehmen sie ihre Liebste mit; oder sie schreiben ihr nicht so oft!
Amen
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