Philipper 4, 4-7
Predigt in Lobetal am 4. Advent 2009 (20. Dez. 2009)
4 Freuet euch in dem Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Dank-sagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Heute ist Freude angesagt!
Freuet euch – obwohl der Klimagipfel in Kopenhagen gescheitert ist! Freu-et euch – trotz der Tatsache, dass die Neuverschuldung unseres Landes im neuen Jahr ein Rekordhoch erreicht! Freuet euch – wenn auch noch keine Nachfolge für Cordelia in Sicht ist! Freuet euch – auch wenn viele Familien schwer zu tragen haben an den Ereignissen der letzten Monate. Freuet euch, trotz finanzieller Engpässe, die euch belasten, trotz kritischer Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, die zur Sorge Anlass geben. Freuet euch, wenngleich Krankheit und Leid euere Gefährten zu sein scheinen. Freuet euch – das gilt auch unserem VfB Fan Torsten, obwohl die Stutt-garter in der Champions League gegen den FC Barcelona spielen - hoff-nungslos!
Mit Vernunft scheint dieser Aufruf zur Freude nicht zu verstehen sein – schon damals nicht. Paulus schreibt diesen Brief der Freude aus dem Ge-fängnis. Er scheint einer unabsehbaren Zukunft entgegenzugehen. Aber er schreibt einen Brief der Freude. Ist das nicht seltsam? Wenn man die Au-gen auf macht und die Gegebenheiten sieht, dann hat man allen Anlass zur Sorge und zur Furcht. Aber Paulus fordert uns heute auf, die Augen sehr wohl weit zu öffnen und die Sinne zu schärfen – er will uns zeigen, dass wir tatsächlich Grund zur Freude haben!
Hier geht es um Gegebenheiten, die höher sind als alle Vernunft. Hier geht es um eine Haltung, die man nicht gewinnt aufgrund exakter Analysen der gegenwärtigen Entwicklungen – weder derer im eigenen Leben noch derer in unserer Gesellschaft.
Nicht die Gegebenheiten fordern zur Freude auf – Gott fordert sein Volk auf, Freudengesänge anzustimmen und das Jubeln einzuüben. „Freuet euch“ – dieser Aufruf trifft die Gemeinde Gottes immer wieder. Bereits im Alten Testament ruft ein Prophet geängstigten Leuten zu: „Du Tochter Zi-on, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!“ (Sacharja 9,9) Auch noch ein anderer Prophet rüttelt dieses Volk freudenwach: „Jauchze, du Tochter Zion! Frohlocke Israel! Freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem! Denn der Herr hat deine Strafe weggenommen und deine Feinde abgewendet!“ (Zefanja 3, 14f.) Propheten übten ein Wächte-ramt aus. Sie halten Ausschau in die Zukunft, hören, was Gott zu tun be-absichtigt. Sie sagen an, was das Volk noch nicht wahrnimmt und rufen aus, was noch nicht angekommen ist. Wie ein Wächter auf einer Stadt-mauer sehen sie am Horizont „Bewegungen“, die andere nicht wahrneh-men. Sie rufen die Gegebenheiten aus, die Gott in dieser Welt wirkt, bevor sie ins Heute einbrechen!
Aber Paulus ist kein Prophet, sondern Evangelist. Der sieht Gottes Handeln nicht erst in ferner Zukunft. Er hat Gottes heilsames Eingreifen und Kom-men in seinem Leben erfahren. Paulus sieht die Gegebenheiten. Paulus ruft eine reale frohe Botschaft. Das hat er erfahren: Jesus ist uns gege-ben. Jesus ist gegenwärtig. Diese Wahrnehmung ist die entscheidende Wahrnehmung – hier gewinnt man eine Perspektive, mit der man auch in den „Dunkelheiten“ dieses Lebens bestehen kann. Hier gewinnt man die Kraft, in der man auch in schweren Zeiten nicht zerbricht und auch in Kri-sen nicht flieht. Hier gewinnt man die Haltung, die geprägt wird von Hoff-nung und froher Erwartung. Freude ist angesagt – du hast Grund zur Freude!
1. Der Grund der Freude: Der Herr ist nahe!
Nicht die Stimmung ist ausschlaggebend – auch nicht das, was mir wider-fährt. Jesus ist nahe – das ist entscheidend! Jesus ist nahe, das ist Grund zur Freude.
Jesus ist nahe – das bedeutet: er ist bei dir! Jesus ist aus dem Himmel Gottes aufgebrochen, um dich zu suchen. Er ist angekommen. Er kam als Kind, um in deinem kleinen Herzen Platz zu haben. Er ist da! Er erfüllt de-in Herz mit den Lebensgaben Gottes: Glaube, Hoffnung und Liebe.
Jesus ist nahe – das bedeutet aber auch – er kommt noch einmal! Er bricht aus der unsichtbaren Welt Gottes noch einmal auf, um als Herr der Welt, in Macht und Kompetenz, in Glanz und eindeutigem Triumph den letzten Feind zu besiegen, der hier auf Erden sein Unwesen treibt: den Tod. Freuet euch!
Ich rede heute Morgen über die Freude, die eine geistliche Aufgabe und Herausforderung ist!
Ich rede heute morgen über die Freude, die uns eröffnet ist – die wie ein Kleidungsstück vor uns liegt: Ziehen wir es an – ziehen wir die Freude an!
Ich rede heute Morgen über eine Freude, die das ganze Leben prägen will.
Ich rede heute Morgen über die Freude, die für uns vielleicht ein hartes Stück Arbeit ist – eine Arbeit die sich lohnt!
Freude als geistliche Aufgabe – wie können wir zur Freude befreit werden?
Diese Freude ist nicht in uns – Paulus sagt: Ich freue mich in dem Herrn! Paulus verlässt sozusagen sein Leben und hängt sich ganz an diesen Je-sus; er schlüpft sozusagen in ihn hinein: in Christus sein – das ist für ihn angesagt. Und in diesen Christus sollen wir jeden neuen Tag hineinschlüp-fen. Es ist die entscheidende Frage, wie du dir jeden Tag neu vergegen-wärtigst: Du bist durch Jesus losgekauft von einer Macht, die dir ein Leben ohne Gott versprochen hat. Diese Macht hat erstaunliche und verlockende Angebote – aber letztlich werden dich diese alles kosten und am Ende wirst du auch noch das Leben verlieren. Ohne Gott verliert man auch die Würde und die Freiheit der Kinder Gottes. Man wird beherrscht von Sorge und Angst.
Paulus fasst zusammen, was die Realität eines Christen ausmacht. In Ka-pitel 3, 20 + 21 benennt er, was in Christus gilt: „Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge un-tertan machen kann.“ Mitten in einer Welt, in der alles vergeht, haben wir bereits den Pass zu einem Leben bereitliegen, das in der Gegenwart Got-tes stattfindet. In Jesus haben wir bereits jetzt die Zusage eines zukünfti-gen Lebens!
Heute sieht man ständig auf das, was man hat. Man ist froh, wenn man viele gute Dinge hat: Gesundheit, Beruf, Familie und tragfähige Ressour-cen. Aber man wird unruhig und besorgt, wenn man das nicht hat. Wir fal-len in Angst und Schrecken, wenn es uns aus der Hand gleitet.
Die geistliche Aufgabe heißt: Lass dich prägen durch das, was durch Jesus für dich gilt. Lass dich prägen durch das, was er für dich erworben hat. Lass dich davon bestimmen. Vergegenwärtige dir das immer wieder. Schreib es dir auf und placiere es in deinem Gesichtsfeld – das darfst du nicht übersehen.
Jetzt könnte man sagen: typisch Christlich. Man muss sich einreden, dass man besser dran ist als es den Anschein hat. Man muss irgendwie die Au-gen verschließen vor der Realität dieser Welt.
Gerade nicht. Deshalb:
2. Die Auswirkungen der Freude: Handlungsfähigkeit
Wenn Christen auf das sehen, was für sie durch Christus gilt, dann öffnen sich in ihrem Leben alle Türen, dann zieht frischer Wind durch ihr Leben. Es wird hell und man gewinnt neuen Mut. Christen werden handlungsfä-hig. Spaß zieht einen Menschen aus seinem Alltag heraus – Freude schickt uns in den Alltag hinein. Spaß kostet Leben, Zeit, Geld – Freude fördert Leben, spart Zeit und du hast plötzlich Geld übrig! Spaß verfliegt – Freude bleibt.
Und diese Freude richtet uns immer wieder auf, öffnet uns für die Leute, denen wir begegnen und schickt uns zu ihnen. Paulus sagt: „Eure Güte lasst kund sein allen Menschen.“
Liebe Geschwister: zur Güte muss man befreit sein. Es gibt zu viele Grün-de, dem anderen nicht in Güte zu begegnen. Misstrauen ist doch nicht schlecht. Vielleicht will der andere mich ja ausnutzen?
Paulus sagt: Euere Güte lasst kund sein allen Menschen! Lasst allen Güte widerfahren. Das deutsche Wort „lind“ bedeutet „weich, zart, mild und nachgiebig“. Das lateinische Wort „lenis, lene“ bedeutet: „linde, mürbe gemacht, windelweich geschlagen“. Das bezieht sich also auf unser Herz. Unser Herz war hart, aber die Liebe und Barmherzigkeit Gottes haben es zerschlagen und weich gemacht. Wir können nun mitleiden. Härte weicht. Wir können mitfühlen. Das Schicksal von Menschen berührt uns.
Güte bedeutet nicht, dass man jedem 10 Euro schenkt und zu Weihnach-ten niemand vergisst und alle mit Gaben bedenkt. Güte bedeutet zualler-erst: Ich öffne mich dem anderen Menschen. Ich speise ihn nicht schnell ab. Ich wende mich ihm zu. Das ist das Wichtigste – das heißt: ich schen-ke dem andern Zeit und Aufmerksamkeit, Kraft und meine Begabungen. Wozu das führt weiß man nicht vorher. Worin Güte konkret wird, klärt sich erst mit der Zeit. Das wird man dann schon erkennen.
Unser Problem heute ist, dass man den Menschen keine Zeit mehr schenkt. Man verbringt Zeit mit so vielen Dingen – schenkt Menschen wieder Zeit und Aufmerksamkeit! Verschenkt den Kindern zu Weihnachten Zeit, auch dem Ehepartner, den Nachbarn, den älteren Geschwistern! Zeigt ihnen, was ihr an Güte bei euch habt!
3. Milde Herzen brauchen Schutz!
In der gütigen Hinwendung zu den Menschen werden wir aber eine unan-genehme Erfahrung machen: Die Freude verfliegt immer wieder. Dem an-dern in Güte zu begegnen, das ist Arbeit. Ihn wahrzunehmen und zu hel-fen, das kostet Kraft. Hinwendung an die Menschen führt an unsere Gren-zen! Menschen mit offenen Herzen zu begegnen bedeutet eben auch, dass unsere Herzen verletzt werden können.
Liebe Geschwister, wir benötigen Schutz. Deshalb schreibt Paulus hier:
„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!“ Das brauchen wir – Bewahrung. Das griechi-sche Wort wird vielleicht besser wieder gegeben mit „Bewachung“! Wir benötigen jemand, der auf uns aufpasst.
Weil wir ein mitfühlendes und mildes Herz haben, wird es immer wieder verletzt werden. Der Friede unseres Herrn aber ist die große Schutzmaß-nahme Gottes, damit wir weder selbst zerbrechen noch so reagieren, dass wir den anderen zerbrechen.
Liebe Geschwister, wir wissen doch, wie unser Herz tickt. Wenn ihm weh getan wird, dann reagiert es in der Regel in zwei Richtungen: Rückzug o-der Angriff.
Das ist ein Problem in vielen Gemeinden, dass Menschen da sind und sich engagieren und einsetzen, aber dass es immer wieder zu Konflikten und dann auch zu Re-Aktionen kommt. Die Konflikte sind verständlich – aber die Reaktionen sind schwierig. Hier wird es emotional. Hier wird es gefähr-lich! Hier kann man verletzt werden. Verletzte verletzen wieder! Keine gu-te Kettenreaktion!
Wie kann uns nun der Friede Gottes schützen? Liebe Geschwister, wir müssen wach werden für den Augenblick, in dem in unser Herz Unfriede einziehen will. Wenn unser Herz aufrüstet, wenn die Leber dem Großhirn den Auftrag gibt, der Faust „ballen!“ zu verordnen, dann müssen wir aktiv werden und sagen: Stopp! Gott ist jetzt da, und er sagt: Friede, lieber Ro-land! Ich habe in deinem Leben alle Voraussetzungen geschaffen, dass alles gut wird. Das ist auf keinen Fall gefährdet! Deshalb: Langsam! Wie kannst du angemessen reagieren!?
Mache aus allem, was dich bewegt, ein dankbares Gebet! Wende dich Gott zu. Blicke nicht ständig auf das, was dir Angst macht. Der Herr ist nahe. Er ist für dich da! Sprich mit ihm und danke im schon dafür, dass er dich leiten und führen wird. Du hast Grund zur Freude, deshalb wende dich den Menschen in Güte zu – lass dabei dein Herz bewahrt sein!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen
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