Freitag, 1. Januar 2010

25.12.2009 Das Richtige schenken

Liedpredigt zu „Ich steh an deiner Krippe hier“
Weihnachten 2009 in Lobetal (1. Feiertag)

Predigt zu einigen Strophen aus dem Lied: „Ich steh an seiner Krippen hier…“ und zu dem Bild von Rembrandt „Anbetung der Hirten“ (Alte Pinakothek München)

Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben;
ich komme bring und gebe dir, was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mund nimm alles hin
und lass dir´s wohl gefallen.

Stehen ist angebracht – meint Paul Gerhardt. Das, was an Weihnachten geschehen ist, lässt sich nicht im Vorübergehen verstehen, erfassen und begreifen. “Stehen“ und „staunen“ kommen aus dem selben Wortstamm. Stehen ist angemessen. „Stehen“ ist eine konzentrierte Haltung. Und das „Stehen“ bringt auch unsere Ehrerbietung zum Ausdruck. Man steht auf, wenn man jemand begrüßt. Man erhebt sich, in einem ergreifenden Mo-ment. Man erhebt sich im Gottesdienst zum Gebet.

Stehen ist angebracht – sagt Paul Gerhardt.
In diesem Lied geht es um das Geheimnis dieses Jesus Christus: In die-sem Jesus liegt mein Leben – sagt Paul Gerhardt.
Rembrandt bringt das in seinem Bild „Anbetung“ darin zum Ausdruck, dass sich der eine Bursche – in unserem Bildausschnitt in der Bildmitte – mit seiner Faust an die Brust schlägt. Er wird scheinbar „ergriffen“ von dem Kind, das er da sieht. Er kommt – wie auch Paul Gerhardt – nicht un-vorbereitet. Er hat die Engelbotschaft im Gedächtnis: „Euch ist heute der Heiland geboren…“ Heiland bedeutet Retter! Hier liegt der, der dich retten wird! Und da kann der Bursche sich nur an die Brust schlagen, was soviel bedeutet: „Ach, Retter, erbarme dich über mich – sei mir gnädig!“

Denn was da in der Krippe liegt, ist von immens großer Bedeutung. Dieses Jesuskind ist „mein Leben“. In ihm ist das Leben er schienen, so schreibt auch Johannes in seinem 1. Brief. Und dieses Leben ist zu „meinem“ Le-ben geworden. Mein Leben liegt also nicht in mir – als ein großer Schatz an Zeit, Gaben, Kraft usw., sondern mein Leben liegt in Jesus.
Weil das so ist, kann ich „mein“ Leben nun verschenken. Das ist das an-gemessene Weihnachtsgeschenk: Ich schenke mich diesem Jesus! Dieses Bekenntnis ist Gerhardt so wichtig, dass er dieses Lied in „Ich-Form“ schreibt und nicht, wie seit der Reformation üblich, in der „Wir-Form“. Hier schreibt nicht jemand über einen Sachverhalt – hier beschreibt jemand den Stand dieser Sache in seinem Leben.

Es ist Weihnachten – welches Geschenk möchtest du dem Christus brin-gen. Erneuere dein Geschenk der Taufe und verschenke dich wieder – das ist die eine, angemessene Gabe für diesen Retter. Denn in ihm ist unser Leben.

Gerhardts Weihnachtslied aus dem Jahr 1653 wurde im selben Jahr noch in das musikalische Andachtsbuch "Praxis Pietatis Melica" von Johann Crü-ger aufgenommen. Zusammen mit 64 neuen Liedern stellte es in der 5. Auflage dieses Büchleins den Reichtum des Schaffens von Paul Gerhardt dar, die er während seiner Zeit als Pfarrer in Mittenwalde geschaffen hat-te.
Gesungen wurde das Lied „Ich steh an deiner Krippe hier“ aber kaum. Es wurde oft gelesen und auswendig gelernt, aber die Melodie war zu schwie-rig. Eine grundlegende Veränderung trat erst über 80 Jahre später ein. 1736 komponierte Johann Sebastian Bach die uns bekannte Melodie zu diesem Lied. Der Kommentar von Ludwig van Beethoven war treffend: „Meer müsste er heißen!“ Ja, so unermesslich weit und reich waren die Melodien, die aus Bauch hervorsprudelten.

Zurück zum Lied:

Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht´,
wie schön sind deine Strahlen!

Hier geht es um Tot und Leben – um alles oder nichts. Das sieht man auch in Rembrandts Bild. In der Bildmitte steht das Kreuz – gezeichnet als tragendes Gebälk des Stalles. Am Fuß des Kreuzes ist Jesus. Es erhebt sich direkt hinter Josef.
So ist es: in der Geburt bildet sich schon das Kreuz ab. Jesus kommt zu den Seinen – aber er findet keine Aufnahme. Kurze Zeit später wird der Befehl des Herodes ca. 200 Kleinkindern das Leben kosten. Jesus wird dann mit seinen Eltern auf der Flucht sein.
Weihnachten ist ein ernstes Fest: Es geht darum, wie wir in unserer To-desnacht bestehen wollen – die Sache entscheidet sich hier. Nur hier gibt es ein Licht, das die Todesnacht erhellt und in der die Macht des Trostes liegt: Du bist geborgen!
Rembrandt malt das Licht des Lebens. Die Lichtquelle ist nicht in der Lam-pe, die Josef in der Hand über das Kind hält – die Quelle des Lichtes ist in dem Jesuskind. In ihm geht die Sonne des Lebens auf! Und diese Sonne wirkt – sie wirkt Glauben!
Paul Gerhardt bekennt: in mir ist das wertvolle Licht des Glaubens. Der Glaube ist die rechte Reflexion dieses Lichtes, das in Jesus zu uns ge-kommen ist. Wenn etwas in diese Welt hinein Leuchtkraft hat, dann sind es nicht wir – dann ist es Christus. Er leuchtet durch uns hindurch. Wer diesem Jesus vertraut, aus dessen Leben werden kleine und bescheidene Strahlen der Liebe so große Wirkkraft haben, dass sie die Herzen derer berührt und verändert, denen er sich zuwendet. Dieses Licht weckt Leben – die Macht der Kälte und des Frostes ist nicht das Letzte, das diese Welt und die Herzen der Menschen beherrscht!

Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen!

Das Sehen gelingt in dieser Beziehung zum Kind in der Krippe nur in Ge-betshaltung. Sehen heißt Beten. Sehen ist verweilende Anbetung. Auf eine andere Weise erschließt sich das Geheimnis dieses Christus nicht.
Hans-Peter Royer wurde von einem Mitarbeiter von Idea interviewt zum Thema „Warum werden in Europa so wenige Christen?“ Er antwortete: - Zitat aus Idea Nr. 21, 20. Mai 2009, S 18 „Wenn ein Wirt will, dass seine Gäste viel trinken, muss er die Pommes ordentlich salzen. Wir Christen sind das Salz der Erde. Und wenn wir intensiv mit Jesus leben, bekommen auch andere Menschen Durst nach ihm.“ Frage: wie lebt man mit Jesus? „Bist du verheiratet?“ fragt Royer – Ja! „Es ist wie in deiner Ehe,“ sagt Royer. „Das Wertvollste, was du deiner Frau schenken kannst, ist deine Zeit. Und das gilt auch für Gott. Du redest mit ihm, du hörst auf ihn, gehst spazieren mit ihm, trinkst Kaffee mit ihm – genau wie mit deiner Frau. Wenn wir Zeit mit Gott verbringen, ändert sich unser Leben.“

Kann es sein, dass Christsein heute so spurlos gelebt wird, weil die Chris-ten Gott keine Zeit mehr schenken – man speist ihn mit ein paar Minuten ab – den Rest braucht man für sich.
Gott wieder Zeit schenken – das ist eine Seite dessen, dass ich ihm mein Leben geschenkt habe. Aber wir Menschen haben ja heute keine Zeit – mit anderen Worten: wir haben so viele Dinge, die wir haben möchten.
Der Mensch bleibt heute nur kurz stehen. Man zappt sich durchs Leben. Da mal einen Blick hinwerfen. Dort mal kurz verweilen. Sie hier mal einen Überblick verschaffen. Die Frage ist: Zappen wir uns auch durch Weih-nachten – hüpfen wir durch die Feiertage oder schaffen wir uns Zeiten des Verweilens?
Das ist die Schlüsselfrage unserer Zeit: Woran sehen wir uns eigentlich satt? (was wir essen, das wird neuen Appetit wecken…)

Eins aber, hoff ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen:
dass ich dich möge für und für in, bei und an mir tragen.
So lass mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
dich und all deine Freuden.

Am Schluss bleibt die neuerliche Bitte: Darf mein Herz deine Krippe sein? Paul Gerhard lädt uns ein, Gott darum zu bitten. Bekenne dich zu diesem Jesus – lebe so, dass man erkennt: „Ah, der mag diesen Jesus!“
1. Es ist ein Bekenntnis der eigenen Armut
Wir bekennen damit, dass wir Nichts haben, was uns erfüllt – außer diesen Jesus Christus. Alles andere erfüllt nicht. Alles andere bleibt nicht!
2. Es wird zu einem Bekenntnis des Reichtums
Denn mit diesem Jesus legt Gott seine „Freuden“ seine guten Gaben mit in mein Leben. Wer Gottes „Freuden“ in seinem Leben aufnimmt, der wird andere Menschen erfreuen und bereichern.
3. Dieses Bekenntnis hat Auswirkungen auf die persönliche Tragkraft
Wer Jesus bei sich trägt, wird tragfähig. Er kann schwere Erlebnisse er-tragen, weil er selber getragen wird. Er kann die Nöte anderer mittra-gen.
4. Diese Bekenntnis hat Auswirkungen auf das Lebens
Wer diesen Jesus in sich trägt, dessen Herz wird immer wieder neu er-füllt werden von Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese heilsamen Gaben prägen ein frohes und getrostes Leben.

Amen

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