Donnerstag, 29. Januar 2009

25.01.2009 Wie viel muss ich sehen, um glauben zu können?

Predigt in Lobetal von Jacob Burger über Hebräer11,1-6
Um den Predigttext gut verstehen zu können, ist es wichtig, zu wissen, in welche Situation hinein der Hebräerbrief geschrieben wurde. Deshalb möchte ich uns, bevor ich den Text lese, erst noch etwas vor Augen führen, wer diese „Hebräer“ waren.
Man vermutet, dass es sich um eine judenchristliche Gemeinde oder zumindest eine Gemeinde mit starker Nähe zum Judentum handelt. Denn im Brief werden immer wieder Motive verwendet, die für Juden leicht verständlich waren. Im Zentrum steht dabei Jesus Christus, der durch sein Opfer als Hohepriester für uns den neuen Bund mit Gott geschlossen hat.
Interessanterweise wird in Bezug auf die Gemeinde immer von zwei unterschiedlichen Zeiten gesprochen: Da sind zum einen „die früheren Tage“, in denen die Gemeinde Verfolgung ausgesetzt war. Die Gemeindemitglieder mussten für den Glauben Opfer bringen. Von Demütigungen in der Öffentlichkeit bis hin zu Enteignungen ihres eigenen Besitzes mussten sie vieles Schweres in Kauf nehmen.
Möglich war ihnen das unter anderem auch dadurch, dass sie in einer starken Naherwartung lebten. Sie waren fest davon überzeugt, dass Jesus sehr bald wiederkommen würde. Mit ihrem ganzen Leben waren sie darauf ausgerichtet, was ihnen Kraft gab, die Schwierigkeiten durchzustehen und in Kauf zu nehmen.
Nun vergingen die Jahre und ihre Erwartung wurde nicht erfüllt. Dass Jesus nicht wiederkam, wurde ihnen zur Anfechtung!
Als Folge daraus entstand die Situation, die nun die Gegenwart der Gemeinde beschreibt: Eine nachlassende Begeisterung greift um sich. Gemeindemitglieder kommen nicht mehr zu den Versammlungen. Es gibt Spannungen mit den Vorstehern der Gemeinde. Und die Bereitschaft, für den Glauben einzustehen geht immer mehr verloren. Im Brief wird dafür das Bild von den „erschlafften Händen und ermüdeten Knien“ verwendet. Genau in diese Situation hinein geht der Hebräerbrief. Der Verfasser möchte mit seinen Worten die Gemeinde ermutigen, nicht aufzugeben, und sich in Geduld zu üben. Und genau darum geht es auch in unserem Text heute:

Lesung von Hebr 11,1-6 nach der „Neues Leben“-Übersetzung

Wie viel muss ich sehen, um glauben zu können? Der Verfasser des Hebräerbriefs hat Menschen vor Augen, denen die Spannung des Glaubens zur Anfechtung wurde: Jesus kommt nicht wieder. Ist jetzt die Botschaft von dem Sohn Gottes, die mich zum Glauben geführt hat, etwa auch nicht wahr?
Genau diese Zweifel nimmt der Briefschreiber ernst. Und er möchte den Hebräern Mut machen, am Glauben und am Leben mit und für Gott festzuhalten.
Deshalb schreibt er ihnen diese „Glaubensdefinition“, und führt ihnen gleichzeitig Beispiele von Glaubensvätern des Alten Testaments vor Augen.
Damit soll klar werden: Die Spannung zwischen Glauben und Sehen ist etwas, was zum Leben als Christ dazugehört! Im Glauben zu leben heißt, in der Überzeugung und festen Hoffnung zu leben, dass Gott da ist und dass er in dieser Welt und in unserem Leben wirkt. Allein durch diesen Glauben ist es möglich, Gt als Schöpfer dieser Erde zu erkennen (Vers 3) und ihm mit unserem Leben zu gefallen (Vers 6).

Was bedeutet das für uns heute?
1. GlaubensZweifel
Unsere Anfechtung ist nicht dieselbe wie die der Hebräer (dass Jesus noch nicht wiedergekommen ist), aber Zweifel sind für uns genauso ein Thema!
Und zwar aus 2 Gründen: Erstens aufgrund der Erfahrungen, die wir als Christen zwingend machen, wenn wir mit Gott leben.
Jeder von uns erlebt es, wie es ist, das Gefühl zu haben, Gott wäre nicht da. In unserem Leben gibt es Gebete, die nicht erhört werden. In unserem Leben gibt es schmerzvolle Erfahrungen von Verletzungen, von Trennung, von Tod, von schweren Lasten und scheinbar unlösbaren Problemen. Und wir alle kennen Zeiten, in denen wir das Gefühl haben, nicht vorwärts zu kommen. Wir alle kennen Zeiten, in denen wir den Eindruck haben „Ich wachse überhaupt nicht in meinen Schwächen und Fehlern, obwohl ich doch Gott um Veränderung bitte.“
Der zweite Grund, der auch uns immer wieder zum Zweifeln bringen lässt, ist unsere Vernunft. Mir ist dazu ein interessantes Zitat begegnet: „Wer noch nie gezweifelt hat, der hat auch noch nie gedacht.“ Glaube ist aber etwas, das über das rationale Denken hinaus geht! Genau das macht unser Predigttext heute auch besonders deutlich. Beim Glauben geht es nicht nur um Wissen, Durchschauen und Verstehen. Beim Glauben geht es um Vertrauen und um Gewissheit, beides Dinge, die wir uns nicht aus uns selbst heraus erwerben können. Durch Nachdenken allein lässt sich Glaube nicht verstehen oder begreifen. Wie also umgehen mit solchen Zweifeln?
Die Antworten, die der Hebräerbrief hier seinen Lesern gibt, passen auch für uns: Auch uns helfen „Zeugen“. Drei solcher Zeugen sind mir wichtig geworden:

Als erster Zeuge: Die Schöpfung (Vers 3). Wenn wir die Welt und die Natur betrachten, erkennen wir dahinter den Schöpfer: Z.B. eine Art des Goldregenpfeifers, die zum Überwintern 4000km weit von Alaska nach Hawaii fliegt. Dabei müssen sowohl die Fluggeschwindigkeit als auch die Flugrichtung exakt stimmen. Sonst würde der Vogel nicht an seinem Zielort ankommen, sondern irgendwo im Meer ertrinken. Kann das Zufall sein?
Oder ganz simple Dinge wie das Verheilen einer Wunde. Es ist faszinierend, dass unser Körper in der Lage ist, ganz von sich aus neue Zellen zu bilden, die Fleisch und Haut so wiederherstellen, dass z.B. eine Schnittwunde wieder komplett verschwindet. Aber überhaupt all die komplexen Zusammenhänge in der Biologie von Tieren und Menschen oder in den Ökosystemen der Natur. Kann das Zufall sein?

Wenn du es nicht mehr glauben kannst: Schau dir die Schöpfung an!

Als zweiter Zeuge: Wie hier, die Väter des Glaubens: Die Menschen der Bibel, die mit unserem Gott unterwegs waren, haben immer wieder sein Wirken, seinen Beistand und seinen Segen erfahren. Sie werden uns zum Vorbild, indem sie selbst aus der Kraft eines Glaubens lebten, der nicht am Gegenwärtigen und Sichtbaren hängen bleibt. Sie lebten aus einem Glauben, der sie im Vertrauen am Unsichtbaren und Verheißenen festhalten ließ. Dieser Glaube gab ihnen Kraft, Schritte ins Ungewisse zu tun und für Gott zu leben und zu leiden.
Aber nicht nur in der Bibel, auch bei Christen in der Geschichte oder ganz direkt bei den Menschen um uns herum, die mit Gott unterwegs sind, finden wir solche Glaubensväter. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir uns gegenseitig Zeugnis über das geben, was wir mit Gott erleben, um uns so im Glauben zu stärken und zu ermutigen.
Wenn du es nicht mehr glauben kannst: Schau dir Väter des Glaubens an!

Als dritter Zeuge: Gott wirkt in unserem eigenen Leben! Wir alle haben das schon erlebt, deshalb sitzen wir hier. Es hilft, sich an das zu erinnern, was Gott in meinem Leben bereits getan hat. Wo ich seine Hilfe, sein Wirken, seine Kraft erlebt habe. So wird auch unser eigenes Leben zu einem Zeugen für den Glauben.
Wenn du es nicht mehr glauben kannst, schau dir dein Leben an!

Solche und andere Zeugen können uns Mut machen, am Leben im Glauben festzuhalten. Und doch ist der Glaube nicht etwas, was wir aus uns heraus selbst machen könnten. In Vers 6 hört sich das Ganze fast wie eine Forderung an. „Wer zu Gott kommen möchte, muss glauben…“ Aber so ist es nicht gemeint. Auch die Glaubensväter aus dem Alten Testament, die hier (und im gesamten elften Kapitel) genannt werden, erlebten ihren Glauben als eine Gewissheit, die sie sich nicht selbst geben konnten. Der Glaube wurde ihnen von Gott geschenkt! Alles, was wir dazu tun können, ist uns nach Gott ausstrecken und uns ihm zuwenden. Sprich, Glaube kann gar nicht etwas sein, wo es um reines Wissen oder Fürwahr halten geht! Und deshalb:

2. Glaube heißt Beziehung
Das ganze elfte Kapitel des Hebräerbriefs zielt auf Hebr 12,2 hin: Leben im Glauben heißt, zu Jesus aufschauen. Er ist der Gründer und der Grund unseres Glaubens!
Zu Jesus aufschauen, das heißt auch wegschauen von mir, von meinen eigenen Möglichkeiten und Begrenzungen, das heißt auch wegschauen von dieser Welt und all dem, was in ihr schief läuft. Es heißt, unseren Blick zu ihm zu wenden und nicht nur an ihn, sondern auch ihm selbst zu glauben! Ihm, der zu uns sagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“
Ich denke, mit den beiden Beispielen von Abel und Henoch wird genau das auch deutlich: Bei Abel sehen wir, dass seine innere Haltung das Entscheidende war. Er glaubte, er vertraute Gott. Wir können Gott nicht mit unserem Tun beeindrucken. Sondern wir gefallen Gott, in dem wir in einer Erwartungshaltung ihm gegenüber leben. Indem wir wie der Zöllner aus dem Gleichnis Jesu Gott unsere leeren Hände hinhalten und ihn bitten: „Mach du etwas aus meinem Leben.“
Mit dem Beispiel von Henoch ist es ähnlich: Er taucht im Alten Testament nur ganz kurz auf, und zwar im fünften Kapitel des ersten Mosebuchs: Das Besondere an ihm war, das er „mit Gott wandelte“. Das heißt, er lebte in enger Gemeinschaft mit Gott. Glaube heißt nicht Wissen, Glaube heißt nicht Überzeugt sein, Glaube heißt mit Gott in enger Beziehung zu leben! Wer so lebt, der bekommt einen ganz neuen Blick für die unsichtbare Wirklichkeit Gottes: Er ist der Schöpfer dieser Welt, er ist derjenige, der in unserem Leben wirkt. Er ist derjenige, der mit uns leben will!
Glaube heißt Beziehung. Gleichzeitig ist aber auch noch eine dritte Sache wichtig:
In der „Glaubensdefinition“ von Vers 1 auch noch: Glaube ist das Vertrauen darauf, dass das, was wir hoffen, sich erfüllen wird. Es geht also nicht nur um das Gegenwärtige, sondern auch um die Zukunft, um das, was noch kommen soll:

3. Das Ziel des Glaubens
Jesus ist nicht nur der Anfänger, sondern auch der Vollender unseres Glaubens. Er ist derjenige, der wiederkommen wird und der sich zeigen wird als der König, der das, was in uns bereits begonnen hat, vollends zu Ende bringen wird. All das ist für uns (noch) unsichtbar. Und gerade deshalb wird hier unser Verlangen und unser Begehren geweckt. Dass wir uns danach ausstrecken, dass Gott selbst in diese Welt kommt und die Macht der Sünde ein für alle mal beendet! Dass er sichtbar wird, und das die neue Schöpfung vollendet wird! Im Glauben sehen wir schon jetzt einen Teil, aber es soll alles sichtbar werden. Die Spannung, der wir jetzt noch ausgesetzt sind, soll ein Ende haben! Genau dass bewirkt in uns die Sehnsucht nach der Vollendung. Wichtig ist dabei: Das Neue hat bereits begonnen. Durch Jesus konnten wir bereits Gott als den Schöpfer und den Herrn dieser Welt erkennen. Durch Jesus leben wir schon jetzt in Verbindung mit Gott. Schon jetzt und gleichzeitig „noch nicht“. Aber das wir noch nicht alles sehen, dass Sünde und Leid in dieser Welt noch Raum haben soll nicht das entscheidende für uns sein: Denn es geht um ein „Schon jetzt & dann erst recht“! Dass wir nicht an dem hängen bleiben, wo wir jetzt spüren „noch nicht“. Sondern dass wir uns im Schauen auf Jesus ausstrecken nach dem „dann erst recht“. Dass wir schon jetzt auf dieses Ziel ausgerichtet leben.
Wer ein Ziel vor Augen hat, lebt anders im Hier und Jetzt. Ein Marathonläufer, der weiß, auf welches Ziel er hinarbeitet, der bekommt eine ganz andere Motivation für sein Training und für das Durchhalten im Lauf selbst. So bleibt er nicht an den Schmerzen und Strapazen hängen, sonder fiebert auf das hin, was er erreichen möchte. Schon jetzt und dann erst recht!

Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Aber mit diesem Glauben ist es möglich, unsere Zweifel zu überwinden; mit diesem Glauben ist es möglich, in Beziehung und Vertrauen auf Gott zu leben, in unserem Alltag, eng verbunden mit ihm. Und mit diesem Glauben ist es möglich, auf das Ziel der Vollendung ausgerichtet zu sein und uns danach auszustrecken.
Amen.

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